Professorin Barbara Schwarze und Professorin Dr.'in Nicola Marsden über neue Vorhaben und zentrale Herausforderungen

Das Kompetenzzentrum Technik-Diversity-Chancengleichheit e. V. (kompetenzz) ist Deutschlands wichtigster Zusammenschluss zur Förderung von Chancengleichheit und Vielfalt in Wirtschaft, Gesellschaft und technologischer Entwicklung. kompetenzz bringt Menschen zusammen und initiiert wegweisende Projekte und Dialogprozesse auf Bundes-, Landes- und regionaler Ebene in den Themenfeldern "Berufs- und Lebensplanung", "Demografie", "Digitale Teilhabe", "Diversity", "Familie und Beruf" sowie "Frauen in Innovation und MINT".

Im Berichtsjahr 2022 hat kompetenzz einige neue Initiativen und Projekte gestartet. Wir haben die Vorsitzende des Vereins Professorin Barbara Schwarze und die stellvertretende Vorsitzende Professorin Dr.‘in Nicola Marsden gefragt, welche Maßnahmen auf den Weg gebracht wurden, welche Perspektiven sich durch die neuen Projekte eröffnen und welche bemerkenswerten Entwicklungen in den aktuell laufenden Vorhaben zu verzeichnen sind.

Frau Schwarze, Frau Marsden, im Jahr 2022 hat kompetenzz einige neue Vorhaben auf den Weg gebracht. Wo liegen die Schwerpunkte dieser neuen Projekte?

Porträt von Prof.'in Barbara SchwarzeProf.'in Barbara Schwarze, Vorsitzende kompetenzz | Bild: kompetenzz

Barbara Schwarze: Wir freuen uns sehr, dass es uns erneut gelungen ist, politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Entscheidungsträger*innen von unserer Expertise zu überzeugen und wir deshalb die Zusagen für einige wichtige Projekte erhalten haben.

Da ist zum einen das Metavorhaben "Innovative Frauen im Fokus", mit dem wir zum 1. März 2022 gestartet sind. Das Metavorhaben hat die Aufgabe bis 2027 die Einzelprojekte, die in der Förderrichtlinie "Innovative Frauen im Fokus" des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert werden, miteinander zu vernetzen, beratend zu begleiten und öffentlichkeitswirksam zu unterstützen. Eine spannende Aufgabe, vor allem, weil die Projekte mit ganz unterschiedlichen Maßnahmen das Thema "Innovative Frauen sichtbar machen" angehen und auch verschiedene Schwerpunkte haben. Von der Suche nach historischen Archäologinnen über Philosophinnen bis hin zu Grafikdesignerinnen, Bauingenieurinnen und Tech-Frauen – alles ist dabei.

Mit der Plattform #InnovativeFrauen haben wir ein weiteres Vorhaben, dass die Sichtbarkeit innovativer Frauen in den Fokus stellt. In diesem Projekt konnten wir in 2022 zahlreiche Maßnahmen auf den Weg bringen, die einen Beitrag dazu leisten, exzellente Frauen sichtbarer zu machen und ihre Repräsentanz in der Öffentlichkeit zu erhöhen. Zum Beispiel eine Online-Datenbank, in die sich Wissenschaftlerinnen, Forscherinnen und Innovatorinnen eintragen können und mit ihren Leistungen sichtbar werden. Journalist*innen und Medienschaffenden kann diese Datenbank als Basis für die Recherche und Anfrage nach Expertinnen dienen. Außerdem werden im Projekt Podcasts und Videos erstellt, die innovative Frauen portraitieren und deren innovative Ideen und Errungenschaften einer breiten Öffentlichkeit vorstellen. 

Mit diesen beiden Vorhaben ist kompetenzz im Bereich Frauen in Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft gut aufgestellt und kann einiges bewegen.

 

Prof.'in Dr.'in Nicola MarsdenProf.'in Dr.'in Nicola Marsden, Stellv. Vorsitzende & Schriftführerin kompetenzz

Nicola Marsden: Der Bereich Digitalisierung und Chancengerechtigkeit ist ein Schwerpunkt, der bei kompetenzz schon viele Jahre bearbeitet wird. Wir sind beispielsweise seit vielen Jahren Partner des jährlich erscheinenden Digital-Index der Initiative D21. Entsprechend können wir auf eine vielfältige Expertise zurückgreifen. Unser Fokus liegt auf dem Digital Gender Gap, also den Gender(un)gleichheiten in der digitalisierten Welt. Hier wollen wir etwas bewegen. Deshalb hat kompetenzz gerne die Evaluation des Projekts Girls‘Digital Camps in Baden-Württemberg angenommen. Das Projekt bietet Mädchen der Klassen 6 bis 8 konkrete Einblicke in digitale Anwendungen und Berufsfelder und stärkt durch praktische Erfahrungen das Selbstbewusstsein der Mädchen. Nach der Modellphase evaluiert kompetenzz nun die Transferphase mit qualitativen und quantitativen Modulen sowie einem kontinuierlichen, standardisierten Projektmonitoring. Es ist wichtig, Schülerinnen auf dem Weg in die digitale Welt kontinuierlich zu begleiten. Gleichzeitig wollen wir mehr Frauen in gestaltende Positionen der Digitalisierung bringen. Um erfolgreiche Maßnahmen für mehr Geschlechtergerechtigkeit in der IT zu identifizieren, haben wir daher im Juni 2022 die Metastudie #FrauWirktDigital gestartet. #FrauWirktDigital wurde auf Initiative von #SheTransformsIT ins Leben gerufen und wird von der Stiftung Mercator gefördert. Die Ergebnisse werden nach Abschluss der Studie in Form von Handlungsempfehlungen an Wirtschaft, Wissenschaft, Gesellschaft und Politik gegeben. Wir sind schon sehr gespannt auf die Ergebnisse.

 

Sie haben es ganz am Anfang erwähnt: Entscheidungsträger*innen aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft sind von der Arbeit des Kompetenzzentrums überzeugt. Woran liegt es, dass kompetenzz als Umsetzungspartner so stark nachgefragt ist? 

Barbara Schwarze: Unser Verein hat durch seine langjährige Tätigkeit in mehr als 100 Projekten viel fachliche Expertise im Bereich Gender- und Diversity-Kompetenz aufgebaut. Dazu kommen engagierte Vereins-, Vorstands- und Kuratoriumsmitglieder, die dem Verein beratend zur Seite stehen und daran mitwirken, die strategische Weiterentwicklung des Vereins kontinuierlich fortzuführen. Außerdem bringen wir unser Wissen und unser Know-how aktiv in verschiedene Arbeitsgruppen und Fachkreise ein, so dass wir mittlerweile über ein großes Netzwerk verfügen, in denen unsere guten Lösungsansätze und Strategien bekannt sind.

 

Wer über das Kompetenzzentrum spricht, kommt früher oder später meist auch auf die Bundeskoordinierungsstellen Girls’Day und Boys’Day und die Initiative Klischeefrei zu sprechen. Was hat sich in diesen Projekten, die sich mittlerweile fest in der bundesweiten Projektlandschaft zur klischeefreien Studien- und Berufsorientierung etabliert haben, 2022 getan? 

Barbara Schwarze: Wir freuen uns, dass die Initiative Klischeefrei auf so viel positive Resonanz stößt. Und zwar branchenübergreifend. Mittlerweile engagieren sich über 500 Partnerorganisationen in der Initiative. 2022 sind das Auswärtige Amt, der Deutsche Fußball-Bund (DFB), und der Verband der Bauindustrie, aber auch Kitas und Kommunen hinzugekommen – um nur einige zu nennen.

Nach zwei Corona-bedingt ruhigeren Jahren gab es beim Girls’Day und Boys’Day wieder deutlich mehr Plätze für Mädchen und Jungen – in Präsenz und digital. Die Koordinierungsstelle hat die Corona-Jahre genutzt, um ihre Expertise in der Konzeption digitaler BO-Veranstaltungen auszubauen. Die Beratung von Veranstalter*innen, Eltern und Schüler*innen ist ein Herzstück in unserer Arbeit. Dazu gehört auch die Unterstützung bei der Suche nach passenden Angeboten für Jugendliche, die sich nicht als Jungen oder Mädchen identifizieren. 

Es freut uns besonders, dass wir on-top Projekte, wie die Elternbefragung mit der Universität Münster, die in Kürze veröffentlicht wird, realisieren können. Insgesamt wird unsere Expertise in der Berufsorientierung zunehmend stärker wahrgenommen und geschätzt. Entsprechend hat die Initiative Klischeefrei in Zusammenarbeit mit der Bundesagentur für Arbeit einen E-Learning-Kurs für Fachkräfte der Berufsberatung umgesetzt. In sieben Lern-Modulen stehen praxisbezogene Methoden für die Beratungsarbeit mit Jugendlichen und jungen Menschen in der Berufsorientierung zur Auswahl. 

 

Welches Themenfeld von kompetenzz ist neben den bereits genannten derzeit von besonderer Bedeutung? Und was konnten Sie hier bewegen?

Nicola Marsden: Im Rahmen des Modellvorhabens "Zukunftswerkstatt Kommunen – Attraktiv im Wandel" (ZWK) begleiten wir ausgewählte Kommunen bei der Gestaltung des demografischen Wandels. Um starke und attraktive Orte für Jung und Alt zu schaffen, sind gerade in strukturschwachen Regionen innovative Lösungen vor Ort gefragt. Wir unterstützen die vierzig teilnehmenden Kommunen dabei, individuelle Lösungen zu finden und Strategien zu entwickeln, die das Thema Integration einschließen und alle Altersgruppen berücksichtigen. Die dabei systematisch gewonnenen Erfahrungen machen wir in verschiedenen Formaten für den Transfer nutzbar. Dazu gehört der Werkzeugkoffer auf der Website mit Methoden, Konzepten und übertragbaren Best-Practice-Dokumentationen ebenso wie der jährlich zu unterschiedlichen Themen stattfindende ZWK-Fachdiskurs und die Online-Seminarreihe.

 

Das Interview führte Ines Großkopf, kompetenzz