Für den intensiven fachlichen Austausch zu Einzelaspekten der Bestandsaufnahme wurden zwei Workshoprunden durchgeführt. In jeder Workshoprunde fanden vier Workshops mit bis zu 15 geladenen Expertinnen und Experten parallel statt. Für die zweite Workshoprunde war die Herkunft Ausgangspunkt der Fragestellung. Für alle Workshops bildete die Genderperspektive eine wichtige Grundlage. Im Abschlussplenum wurden die Ergebnisse aus den Workshops zusammengeführt und diskutiert.
Im Rahmen des Projektes wird eine Bestandsaufnahme von Primär- und Sekundärstudien zur Online-Kompetenz von Migrantinnen und Migranten durchgeführt. Ausgangspunkt sind die vom Statistischen Bundesamt im Mikrozensus 2005 vorgelegte Definition von „Migrationshintergrund“ und der nationale Integrationsplan, der in den neuen Medien Computer und Internet erhebliche Potenziale für die Integration sieht. Die Bestandsaufnahme umfasst neben den Ergebnissen der Internet-, Migrations- und Medienforschung auch eine Übersicht der Internetportale für Migrantinnen und Migranten sowie Beispiele guter Praxis.
Migrationshintergrund und ethnisch-kulturelle Prägung bzw. Zugehörigkeit
Bei vielen Migrantinnen und Migranten besteht der Wunsch nach Anerkennung und einer angemessenen Repräsentanz in den Massenmedien. Da aber die Berichterstattung gefühlt oder real diesem Wunsch nicht entspricht, wird das Internet als Diskursraum genutzt, um sich gegen das negative Bild der Migrantinnen und Migranten in den deutschen Massenmedien zu wehren und eine Gegenöffentlichkeit herzustellen.
Die Berichterstattungen in den Massenmedien werden kritisch verfolgt und zwischen den Mitgliedern der Communities diskutiert. Gleichzeitig ist das Internet ein Raum, wo sich Gleichgesinnte auf gleicher Höhe austauschen und diskutieren können.
Androutsopoulus (2005) prägt den Begriff der hybriden Diskursräume, in denen ein Dialog zwischen den Kulturen stattfindet. Die kulturelle Identität ist nicht abgrenzbar zwischen Herkunfts- und Aufenthaltsland, sondern ist in einem ständigen Dialog zwischen den beiden Kulturen zu verstehen, der im Rahmen einer Spannung zwischen der Bewahrung der ethnischen Identität und der Aneignung der Aufnahmekultur stattfindet.
Auch Hugger (2007: 173) thematisiert in seinen Arbeiten die hybride Identität, die als eine Möglichkeit des Auslebens von Mehrfachidentitäten gesehen wird. Das Aushandeln der gemachten Erfahrungen als Migrantin oder Migrant im virtuellen Raum führt nach Goel (2007) zu einer erhöhten Handlungsfähigkeit.
Eine weitere Ebene der Auseinandersetzung in den Communities bezieht sich nicht nur auf das „wir“ und den „Deutschen“, sondern bezieht sich auch auf die heterogene Zusammensetzung der verschiedenen Individuen in den ethnischen Gruppen.
Die Gegenöffentlichkeit versteht sich nicht als eine Form der Abgrenzung, sondern ist in der Vielfältigkeit von Öffentlichkeiten zu sehen. Außerdem werden in der Diskussion von Migrantinnen und Migranten mit Menschen ohne Migrationshintergrund Potenziale gesehen, gegenseitige Vorurteile abzubauen (Murt 2007).
Weiterhin ist es auch ein virtueller Raum, in denen Menschen ohne Migrationshintergrund teilnehmen, z.B. als Interessierte an der Kultur. Dies ist deutlich am Portal Theinder.net zu beobachten, wo mittlerweile 40 Prozent der User Menschen ohne Migrationshintergrund sind.
Immer mehr Migrantenselbstorganisationen weiten ihre Aktivitäten auf das Internet aus. Dadurch werden ihre Anliegen nicht nur für Migrantinnen und Migranten öffentlich gemacht, sondern sie werden auch in die deutsche Öffentlichkeit getragen. Im Internet etablieren sich neben den Migrantenselbstorganisationen neue Formen der Vernetzung. In sogenannten Online-Vereinen sind zum Teil mehr registrierte Mitglieder als durchschnittlich in den klassischen Vereinen der Migrantenselbstorganisationen. Beispielsweise hat das Portal Bizimalem 470.000 registrierte Mitglieder .
Die Besonderheit der Online-Vereine liegt darin, dass sie soziale Bedürfnisse ihrer Mitglieder online lösen. Das Internet schafft so neue virtuelle Räume für flexible, vielleicht auch flüchtige, neue Gefüge von Gemeinschaften (Kissau 2008).
Nach den Ergebnissen der Studien zum „Politischen Potenzial des Internet“ (PPI) werden die Webportale für Migrantinnen und Migranten sehr häufig von Vereinen und nicht kommerziellen Organisationen oder von Einzelpersonen betrieben.
Das Internet hat für politische Informationen eine zentrale Rolle eingenommen, die mit einem Bedeutungsverlust für die klassischen Massenmedien einhergeht.
Aksünger hebt auch die politische Partizipation und die Erweiterung der kulturellen Vielfalt, die sie als Ressource für Deutschland betrachtet, als Potenzial der ethnischen Internetangebote hervor. Weiteres Potenzial sieht sie in der Integration und in der Stärkung des bürgerschaftlichen und ehrenamtlichen Engagements.
Aus den Erfahrungen verschiedener Projekte hat Hinkelbein drei Barrieren für die Internetnutzung von Migrantinnen und Migranten als wesentlich erkannt:
Medienkompetenz ist eine zentrale Grundlage zur Integration in die Informationsgesellschaft. Viele Migrantinnen und Migranten waren und sind in Arbeitsfeldern tätig, in denen digitale Medien entweder keine oder nur eine geringe Rolle spielen, so dass sie kaum Möglichkeiten haben und hatten, sich Medienkompetenzen anzueignen (Hinkelbein 2007: 95).
Geringe deutsche Sprachkompetenz spielen auf den Ebenen der Inhalte und deren Vermittlung eine Rolle (Hinkelbein 2007: 94).
Um spezifische Zugangsbarrieren identifizieren zu können, ist es nötig, die Lebenswelten der betroffenen Menschen zu kennen. Hier bedarf es weiterer Forschung.
Wird auf die spezifischen Bedürfnisse der Menschen mit Migrationshintergrund eingegangen, so müssten auf jeden Fall Internetkursangebote für Menschen mit geringen oder keinen Deutschkenntnissen angeboten werden und mehr fremdsprachige Internetangebote im Rahmen von eGovernment-Maßnahmen zur Verfügung stehen.
Hinkelbein hat verschiedene Projekte analysiert.Ein Best-Practice ist das Projekt „buerger-gehen-online“ der Stadt Esslingen, das PC-Treffpunkte an öffentlich zugänglichen Orten zur Verfügung stellt. Ausgebildete Mentorinnen und Mentoren bieten bei Bedarf Unterstützung beim Erwerb von Medien-kompetenzen an. Es gibt vielfältige Angebote, darunter auch zielgruppenspezifische Kursangebote mit muttersprachlicher Unterstützung und computergestützte Sprachkurse.
Nicht die kulturelle Herkunft, sondern das Milieu entscheidet über die Internetnutzung: Hinkelbein hat die These aufgesellt, dass die kulturelle Herkunft ein Merkmal der digitalen Spaltung darstellt, wenn er auch zu Recht auf die Heterogenität der Gruppe hinweist und auch die ökonomische Situation als Merkmal der digitalen Spaltung ansieht.
Einen ganz anderen Hinweis liefert die Sinus-Studie „Migranten in Deutschland“ von Sinus Sociovision. Ein wichtiges Ergebnis der Studie ist, dass die Herkunft nicht auf eine Milieuzughörigkeit und umgekehrt auch eine Milieuzugehörigkeit nicht auf die Herkunft schließen lässt. Das legt den Schluss nah, dass die Internetnutzung eher in den Milieus und nicht in den Ethnien variiert. Dies festzustellen, bleibt weiteren Studien vorbehalten. Die Sinus-Studie „Migranten in Deutschland“ ist eine repräsentative, qualitative Vorstudie. Darin enthalten sind auch Untersuchungen zur Mediennutzung und Ausstattung von Computer und Internet. Die Ergebnisse sind im Dezember 2008 veröffentlicht worden.
Fazit: Das Internet stellt für die Migrantinnen und Migranten und auch für die Aufnahmegesellschaft enorme Potenziale dar. Es ist ein Gestaltungsraum, in dem mit Gleichgesinnten über Themen gesprochen und diskutiert wird, die insbesondere Migrantinnen und Migranten interessieren und in den Massenmedien keinen Eingang finden.
Gleichzeitig stellt das Internet eine virtuelle Heimat dar, in der der Migrationshintergrund ein verbindendes Element ist und die Möglichkeit bietet, eine Vielzahl von Öffentlichkeiten mit vielen kulturellen Ausdrucksformen zu kreieren.
Studien zur Internetnutzung türkischer Migrantinnen und Migranten überwiegen bei Untersuchungen nach Herkunft. Mit Abstand folgt dann die Gruppe der Personen mit postsowjetischem Migrationshintergrund. Für andere Gruppen liegen bis auf die Studie „Migranten und Medien 2007“ keine speziellen Untersuchungen zur Internetnutzung in Deutschland vor. Dort sind Ergebnisse zu italienischen, griechischen, polnischen und ex-jugoslawische Migrantinnen und Migranten zu finden. In der Sekundäranalyse von Billes-Gerhart (2003) stammen 57 Jugendliche aus 18 Nationen: u.a.: türkisch, italienisch, russisch, iranisch, albanisch, kroatisch …
Für medienpädagogische Maßnahmen empfiehlt Theunert, Zugänge zu ermöglichen, die auf sozio-kulturelle Milieubedingungen zugeschnitten sind, die unabhängig vom Migrationshintergrund wirksam werden. Damit wird die Defizitperspektive verlassen, um „die Bedeutung transnationaler Kulturmuster und Werthaltungen für den Mediengebrauch sichtbar zu machen“ (Theunert 2007: 18).
Ein Handlungsbedarf besteht in der Forschung und bei integrativen Zugängen, die milieuspezifisch angelegt sind und Geschlechterunterschiede berücksichtigen (Theunert 2007: 17).
Der Workshop wurde von Frau Dr. Ines Braune und Frau Virginia Wangare Greiner geleitet, die aufgrund ihrer Expertise zu diesem Thema ausgewählt wurden. Sie führten in die Themenstellung ein. Anschließend folgte die Diskussion anhand der Leitfragen sowie die Formulierung von Thesen, die im Abschlussplenum vorgestellt wurden.
Dr. Ines Braune näherte sich unter der Fragestellung "Was ist Internet (in der arabischen Welt)?" dem Thema Internetnutzung von Afrikanerinnen und Afrikanern in der nördlichen Hälfte des Kontinents. Das Internet besitze eine hohe Dynamik in den arabischen Staaten, die sich nicht abbilden lässt anhand von nationalstaatlich erhobenen Zahlen. Auf letztgenannter Ebene ist die Nutzung gering, zugleich hat es für diejenigen, die es nutzen, eine hohe Relevanz. Das Internet ist zentraler Bestandteil des Alltags, es wird 2 bis 3 Mal pro Woche genutzt. Es wird für Bankgeschäfte, zum Chatten und für Anwendungen wie "Facebook" genutzt. Die Internetnutzung findet in Internet-Cafés statt.
In den Golfstaaten (außer dem Libanon) ist die Internetnutzung relativ hoch, in allen anderen arabischen Staaten dagegen eher gering. Die präsentierten Zahlen stammen von der International Telecommunication Union (ITU) und sind von 2004. Die Internetnutzungsrate sowie der Besitz eines Computers ist im Irak am niedrigsten: Sie liegt bei je unter einem Prozent. Mit 32 Prozent Internetnutzung und 12 Prozent Computerbesitz ist der höchste Anteil für die Vereinigten Arabischen Emirate zu verzeichnen. Bestehende Paradigmen werden kritisch hinterfragt: Das technisch Mögliche impliziert nicht notwendigerweise das sozial Wünschenswerte.
Die Internetnutzung ist abhängig von der persönlichen, sozialen und ökonomischen Situation der Nutzenden. Die Diskussion um Begrifflichkeiten, Kategorien und (westlich/europäische) Wertvorstellungen wurde auch hier (vgl. WS 1.4: Mädchen und Frauen) wieder aufgegriffen: So trifft die Kategorie "Alter", wie sie in den europäischen Untersuchungen angewendet wird, auf arabische Jugendliche so nicht zu: Das Ende der Jugendzeit wird mit dem Eintritt in den Ehestand markiert, so dass 12 – 34 Jährige, die zugleich die Hauptnutzenden des Internet sind, als jugendlich gelten (können).
Der Alltag von Jugendlichen ist bestimmt von Grenzen: Grenzen zum anderen Geschlecht, zu den Erwachsenen, geografisch.
Virginia Wangare Greiner:
Die Internetnutzung in Afrika wird häufig unterschätzt: Afrikanerinnen und Afrikaner sind teilweise bei der Internetnutzung in ihren Heimatländern in städtischen Regionen viel weiter als diejenigen, die in Deutschland leben. Afrika bewegt sich schneller, als hierzulande gedacht wird. In den Städten gebe es Internet-Cafés, die als Begegnungsorte stark genutzt werden. Große Unterschiede bestehen zwischen städtischem und ländlichem Raum. Menschen auf dem Lande haben praktisch keinen Zugang zum Internet. Internet-Cafés in Deutschland sind stark wachsende Unternehmen von Afrikanerinnen und Afrikanern.
Anhand der Leitfragen, die für die Workshops gestellt waren, stieg Frau Wangare Greiner gleich in die Diskussion ein. Die Ergebnisse wurden auf den Stellwänden festgehalten.
Die Frage:
formulierte sie um in:
bzw.
und bat die Mitglieder der Arbeitsgruppe, persönliche Antworten darauf auf Moderationskarten festzuhalten. Diese Methode setzt sie für alle Fragen ein.
Zu 1):
Zu 2):
Zu 3):
Zu 4):
Da in Deutschland sehr viele Dokumente gebraucht würden und Afrikanerinnen und Afrikaner häufig ohne Papiere ins Land kommen, nutzen sie das Internet, um sich erforderliche Personaldokumente aus ihrem Heimatland zu beschaffen. Dazu werden vorhandene Papiere eingescannt und in das afrikanische Heimatland als Existenzbeweis verschickt. Die Kommunikation mit einheimischen Behörden sei so viel unkomplizierter und vor allem schneller.
Afrikanerinnen und Afrikaner nutzen das Internet, um Musik aus dem Heimatland herunterzuladen, Waren zu kaufen und mit dem Heimatland zu kommunizieren. Auch zur Überweisung von Geld an die Familien wird das Internet genutzt.
Vorteil des Netzes ist: Es ist günstig und es gibt keine Vorurteile.
Als spezifisches Merkmal wird die starke Ausrichtung auf die Gemeinschaft betont: Die Kommunikation mit- und der Austausch untereinander mit Freunden, Bekannten und Verwandten in den Heimatländern ist für Afrikanerinnen und Afrikaner sehr wichtig.
Die Bildung vieler Afrikanerinnen und Afrikaner wurde unterbrochen. Um in Deutschland z. B. ein Flugticket über das Internet zu bestellen, muss die Person folgende Voraussetzungen mitbringen: Sie muss lesen können, sie muss die Sprache verstehen, sie muss in der Lage sein, eine Nummer einzutippen und sie muss das Ticket ausdrucken können. Diese Voraussetzungen bestehen nicht immer.
Barrieren der Internetnutzung werden vor allem in fehlenden Kenntnissen beim Umgang mit PC und Internet gesehen. Im Informationsüberfluss fehlt Orientierung. Fehlende technische Voraussetzung für bestimmte Anwendungen sowie fehlende Unterstützung bei technischen Problemen sind weitere Hemmnisse. Sprachbarrieren bestehen ebenfalls.
Um Handlungsbedarf zu formulieren, muss die Frage danach, wohin soll es eigentlich gehen, beantwortet werden. Vor allem ist notwendig, die Defizitperspektive zu verlassen und auf die Potenziale zu bauen, die Afrikanerinnen und Afrikaner mitbringen. Starke Vernetzung, Schnelligkeit und Flexibilität sind Stärken der Afrikanerinnen und Afrikaner. Diskussionen müssen auf Augenhöhe geführt werden, nur miteinander lassen sich Maßnahmen entwickeln.
Einerseits nutzen Afrikanerinnen und Afrikaner das Internet für die gleichen Dinge wie die Deutschen, andererseits gibt es spezifischen Bedarf an Maßnahmen: Es müssen Bildungsangebote mit gleichzeitiger Kinderbetreuung gemacht werden. Die Selbsthilfeorganisationen müssen gestärkt werden.
Internet-Cafés in Flüchtlingsheimen könnten vieles erleichtern. Viele gute, bereits bestehende Angebote müssen breiter bekanntgemacht werden. Die Hülle "Integration" muss aufgebrochen werden.
Sichtbarmachen der vorhandenen Ressourcen der Menschen
Afrikanerinnen und Afrikaner in Deutschland brauchen das Internet für die gleichen Dinge wie „Deutsche“
Wir müssen uns fragen, wo wir stehen und wohin wir gemeinsam gehen wollen
Das Internet hat Potenzial, interkulturellen Austausch zu ermöglichen
Afrikanerinnen und Afrikaner brauchen spezifische Maßnahmen
Migration ist eine Mobilitätsoption, (beinhaltet) Veränderungsfähigkeit
Thematische Einführung WS-Leiste 2 [381,47 kB | pdf]
WS Afrika: Ergebnis [348,94 kB | pdf]
WS Afrika: Braune [39,72 kB | pdf]