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Kompetenzzentrum

Mädchen und Jungen im Kindes- und Jugendalter

Für den intensiven fachlichen Austausch zu Einzelaspekten der Bestandsaufnahme wurden zwei Workshoprunden durchgeführt. In jeder Workshoprunde fanden vier Workshops mit bis zu 15 geladenen Expertinnen und Experten parallel statt. Für die erste Workshoprunde bildeten die klassischen Merkmale der digitalen Spaltung „Alter und Geschlecht“ die Ausgangspunkte. Für alle Workshops bildete die Genderperspektive eine wichtige Grundlage. Im Abschlussplenum wurden die Ergebnisse aus den Workshops zusammengeführt und diskutiert.

  1. Teilnehmerinnen und Teilnehmer
  2. Ergebnisse der Bestandsaufnahme
  3. Präsentation Susanne Eggert
  4. Präsentation Dr. Kemal Bozay
  5. Ergebnisbericht
  6. Thesen des Workshops
  7. Downloads
 

1. Teilnehmerinnen und Teilnehmer

  • Dr. Kemal Bozay (Leitung)
  • Jutta Croll
  • Susanne Eggert (Leitung)
  • Dr. Christine Feil
  • Beatrix Heilmann
  • Dr. Kathrin Kissau
  • Ilkay Koparan
  • Holger Kruse
  • Daniel Poli
  • Kirsten Schellack
  • Andreas Scherer
  • Canan Topçu
  • Nina Reining
  • Hakan Uzun

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2. Ergebnisse der Bestandsaufnahme

Im Rahmen des Projektes wird eine Bestandsaufnahme von Primär- und Sekundärstudien zur Online-Kompetenz von Migrantinnen und Migranten durchgeführt. Ausgangspunkt sind die vom Statistischen Bundesamt im Mikrozensus 2005 vorgelegte Definition von „Migrationshintergrund“ und der nationale Integrationsplan, der in den neuen Medien Computer und Internet erhebliche Potenziale für die Integration sieht. Die Bestandsaufnahme umfasst neben den Ergebnissen der Internet-, Migrations- und Medienforschung auch eine Übersicht der Internetportale für Migrantinnen und Migranten sowie Beispiele guter Praxis.

Digitale Integration in der Migrationsforschung

In der Informationsgesellschaft Deutschland gibt es eine digitale Spaltung, die entlang der demografischen Merkmale Bildung, Geschlecht, Alter und Einkommen verläuft. Oliver Hinkelbein (2007:94) erweitert diese um die Merkmale "kulturelle Herkunft" und "Sprachfähigkeit", die den Stand der Deutschkenntnisse kennzeichnet. Nach Hinkelbein nehmen Migrantinnen und Migranten zurzeit nur unzureichend an der Informationsgesellschaft teil.

Deutschland sei ein digitales Entwicklungsland, was die Integration von Migrantinnen und Migranten betrifft (Hinkelbein 2004: 9ff.). Es fehle an quantitativen und qualitativen Erkenntnissen zur Internetnutzung und an entsprechenden Politikstrategien. Verglichen mit klassischen Einwanderungsländern fehlt in Deutschland ein breites und sprachlich vielfältiges Medienangebot für Migrantinnen und Migranten, das ihre Lebenswelten repräsentiert. Dies trifft insbesondere für Institutionen des Staates zu, die kaum mehrsprachige Informationen zu ihren Angeboten und Leistungen auf ihren Websites haben. Wenn mehr Migrantinnen und Migranten mit E-Government-Angeboten erreicht werden sollen, so müsse auf die spezifischen Bedürfnisse der verschiedenen Gruppen eingegangen werden.

Barrieren der Internetnutzung

Aus den Erfahrungen verschiedener Projekte werden drei Barrieren für die Internetnutzung von Migrantinnen und Migranten als wesentlich erkannt:

  • fehlende Medienkompetenz
  • geringe deutsche Sprachkompetenz
  • die Nichtberücksichtigung spezifischer Bedürfnisse der Menschen mit Migrationshintergrund bei Angeboten und Maßnahmen

Medienkompetenz ist eine zentrale Grundlage zur Integration in die Informationsgesellschaft. Viele Migrantinnen und Migranten waren und sind in Arbeitsfeldern tätig, in denen digitale Medien entweder keine oder nur eine geringe Rolle spielen, so dass sie darüber keine Möglichkeit haben und hatten, sich Medienkompetenzen anzueignen (Hinkelbein 2007: 95). Geringe deutsche Sprachkompetenz spielt auf der Ebene der Inhalte und deren Vermittlung eine Rolle (Hinkelbein 2007: 94).

Um spezifische Zugangsbarrieren identifizieren zu können, ist es nötig, die Lebenswelten der betroffenen Menschen zu kennen. Hier bedarf es weiterer Forschung. Die Herkunft der Menschen lässt nicht auf eine Milieuzugehörigkeit und umgekehrt auch eine Milieuzugehörigkeit nicht auf die Herkunft schließen, so das zentrale Ergebnis der Sinus-Studie „Migranten in Deutschland“ von Sinus Sociovision. Das legt den Schluss nah, dass nicht die kulturelle Herkunft, sondern das Milieu über die Internetnutzung entscheidet. Die Sinus-Studie „Migranten in Deutschland“ ist eine repräsentative, qualitative Vorstudie. Darin enthalten sind einige Ergebnisse zur Mediennutzung sowie Ausstattung der Migranten mit Computer und Internet. Ergebnissse der neuen Sinus-Milieustudie "Lebenswelten von Migranten" wurden im Dezember 2008 vorgestellt.

Mediennutzung von Jugendlichen

Jugendkultur und Medien sind untrennbar miteinander verbunden. Dabei geht es nicht um einzelne Medien, sondern um ein Medienensemble. Die Ausstattung von Jugendlichen mit Computern und Internet wird als Vollversorgung betrachtet. 94 Prozent der Haushalte, in denen Jugendliche leben, besitzen einen Computer (JIM-Studie 2002).

Der Umgang mit Medien trägt zur Identitätsbildung und zur Geschlechteridentität bei. Spielt der Austausch der Medien in der Familie und der Gruppe der Gleichaltrigen ("Peergroup") eine wichtige Rolle für Geborgenheit, Wohlbefinden und Zusammengehörigkeitsgefühl, so unterstützen die Medien in der Pubertät die Abgrenzung zur Welt der Erwachsenen (Billes-Gerhart 2003: 2f.).

Ausstattung mit Computer und Internet: Hauptschülerinnen und -schüler mit Migrationshintergrund sind geringer ausgestattet als diejenigen ohne Migrationshintergrund. Mädchen verfügen über eine noch geringere Ausstatung an Computern und Internet als die Jungen derselben Gruppe (Billes-Gerhart 2003, Treibel 2006 + 2007, Yilmaz 2006).

Entscheidendere Auswirkungen auf die Computer- und Internetnutzung als das Geschlecht ist die besuchte Schulform der Jugendlichen mit Migrationshintergrund (Treibel 2006:229). Ebenso korrelliert die Internetnutzung der Jugendlichen mit dem Bildungsniveau der Eltern. In Elternhäusern mit einem höheren Bildungsniveau wird das Internet vermehrt genutzt; dagegen verfügen Haushalte mit niedrigem Bildungsniveau oft nicht einmal über einen Computer (Yilmaz 2006: 13). Gründe dafür sehen Treibel und Yilmaz (2006: 14) in der ökonomischen Situation der Familien. Eine höhere Erwerbslosigkeit und Altersarmut verhindern die Anschaffung eines Computers oder auch eines Internetanschluss'.

Über die Rolle der Eltern gibt es unterschiedliche Sichtweisen: Eltern kennen die Relevanz der neuen Medien für die schulische und berufliche Entwicklung und fördern und unterstützen ihre Kinder im Hinblick auf Computer- und Intenetnutzung (Treibel 2006:229). Dagegen steht die These, dass unzureichende Kenntnisse der Eltern über das Medium eine Rolle spielen; Eltern müssten erst noch von der Wichtigkeit des Internet überzeugt werden (Yilmaz 2006:11ff.).

Zugänge: Junge Migrantinnen und Migranten suchen häufiger als Jugendliche ohne Migrationshintergrund Internetzugangsorte außerhalb der Familie auf. Dabei gibt es geschlechtsspezifische Unterschiede:

  • Mädchen nutzen das Internet zu 59 Prozent zu Hause, zu 50 Prozent bei Freunden und zu 36,6 Prozent in der Schule.
  • Die Jungen bevorzugen die Schule als Nutzungsort mit 67,7 Prozent, gefolgt von der Nutzung bei Freunden mit 54,3 Prozent und an dritter Stelle die Nutzung zu Hause mit 48,3 Prozent (Billes-Gerhart 2003: 13f.).

Mehr Internetzugänge für Jugendliche zu schaffen kann mit öffentlich zugänglichen Internetplätzen mit einer Betreuung in Schulen oder in verschiedenen Vereinen der Migrantenselbstorganisationen erreicht werden (Yilmaz 2006: 14). Treibel kommt zu dem Ergebnis, dass Medienkompetenz bei den Jugendlichen mit Migrationshintergrund nur bedingt vorhanden ist. Die Motivation, sie weiter auszubauen, ist nicht besonders groß.

„In ihrer Reaktion auf die Anforderungen bzw. Zumutungen im Hinblick auf Medienkompetenz zeigen die Hauptschülerinnen und Hauptschüler insgesamt eine Haltung, die zwischen den Polen Pragmatismus und Resignation angesiedelt ist“ (Treibel 2007: 20).

Fazit: Die Migrantenjugendlichen haben seltener Zugang zu Computer und Internet. Festzustellen sind viele geschlechtsspezifische Unterschiede im Zugang zu Computer und Internet, bei den Zugangsorten, in der Nutzungshäufigkeit und bei den genutzten Anwendungen.

  • Die weiblichen Migrantenjugendlichen haben nochmals einen deutlich niedrigeren Zugang zu Computer und Internet.
  • Gründe für die geringere Ausstattung liegen in der ökonomischen Situation der Familien.
  • Es gibt geschlechtsspezifische Präferenzen bei den Zugangsorten. Mädchen nutzen das Internet häufiger zu Hause und selten in der Schule. Bei den Jungen steht an erster Stelle die Nutzung in der Schule, dann folgen Freunde und dann das Elternhaus.

Migrantinnen und Migranten in der Medienforschung: Jugendliche

Jugendliche haben eine höhere emotionale Bindung zum Internet als andere Generationen. Ihre Medienwelt zeichnet sich durch einen konvergenten Umgang mit verschiedenen Medien aus, in der das Internet eine zentrale Schaltstelle darstellt (Theunert 2007). Die Ausstattung von Jugendlichen ist im Vergleich zu den Erwachsenen und Älteren generell gut. Gleichzeitig ist aber die Ausstattung von Computer und Internet in Migrantenhaushalten geringer als in einheimischen Haushalten (Theunert 2007).

Die Mediennutzung des Internet von Jugendlichen ist stark beeinflusst vom Bildungsstand der Familie und der Heranwachsenden selbst. Die größte Differenz besteht zwischen Jugendlichen, die in bildungsbevorzugten Milieus aufwachsen und Jugendlichen aus einem gering gebildeten familiären Umfeld. Theunert stellt fest, dass die digitale Kluft nicht zwischen Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund verläuft, sondern zwischen den Bildungsmilieus. Der Migrationshintergrund kann zusätzliche und je nach Herkunftskultur spezifische Akzente setzen, wofür derzeit nur sehr rudimentäre empirische Belege vorliegen (Theunert 2007: 4).

Medienverhalten: Die Bildung wird als zentrales Merkmal für die Mediennutzung angesehen (Theunert 2007:17). Der Umgang mit dem Medium Internet ist abhängig vom Bildungsgrad. Jugendliche aus hohem Bildungsmilieu haben einen vielfältigen Mediengebrauch, der über eine rezeptionsorientierte Nutzung hinausgeht und einen kreativen, interaktiven und wissensorientierten Umgang mit Medien einschließt. Kommunikativ wird das Medium zum Austausch mit jugendkulturellen Szenen und für politische Aktivitäten genutzt (Theunert 2007: 8f.). Jugendliche aus bildungsbenachteiligten Milieus haben in der Regel einen eher rezeptions- und konsumorientierten Medienumgang. Ihnen fehlen häufig die Motivation und die Medienkompetenz das Internet als Informations- und Wissenslieferant zu gebrauchen und Möglichkeiten und Chancen das Internet mit all seinen Kommunikations- und Partizipationsmöglichkeiten für sich zu nutzen. Einige haben problematische Gewohnheiten und risikoreiche Vorlieben (Theunert 2007: 9)

Die Familie, so die Medienforschung, spielt bei der Heranführung der Medien eine große Rolle. Jedoch fallen bei Jugendlichen aus niedrigen Bildungsschichten häufig die Familien als Orte des Kompetenzerwerbs heraus. Dessen ungeachtet werden pragmatisch und lösungsorientiert andere Orte für die Mediennutzung aufgesucht. Kinder in Migrantenfamilien sind besser ausgestattet als der Rest der Familie. Die Familien fördern und ermutigen ihre Kinder zur Auseinandersetzung mit dem Computer. Durch hohe Bildungserwartungen der Eltern können schlechtere Ausgangsbedingungen für die Nutzung neuer Medien ausgeglichen werden. Zum Teil fungieren die Jugendlichen mit Migrationshintergrund als Türöffner zu den neuen Medien für die Eltern. Sie werden zu Expertinnen und Experten für Informations- und Kommunikationstechniken (Theunert 2007: 10).

Potenziale der Medienarbeit: Die Funktion der Identitätsbildung von neuen Medien hat bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund eine besondere Bedeutung. Die Jugendlichen stehen in einem Balanceakt bei der Ausformung ihres eigenen Wertesystems zwischen den herkunftskulturellen Wertvorstellungen und den Werten der Gleichaltrigen und der hiesigen Gesellschaft. Durch die Förderung von Medienkompetenzen lassen sich vielfältige Potenziale nutzen, die verschiedene Dimensionen umfassen. Neben medienbezogenen Qualifikationen werden soziale Schlüsselqualifikationen gefördert, die für die gesellschaftliche Partizipation wichtig sind. Weiter können inhaltliche Auseinandersetzungen zu Themen stattfinden, die im Spannungsfeld zwischen der Aufnahmegesellschaft und der Herkunftskultur liegen und zur eigenen Positionierung und Identitätsbildung beitragen. Die identitäts- und integrationsrelevanten Reflexionen können innerhalb einer Gruppe mit verschiedenen Perspektiven zur eigenen und zu anderen Kulturen stattfinden. Dadurch kann die interkulturelle Kompetenz von einzelnen oder einer Gruppe gefördert werden (Theunert 2007: 16).

Für medienpädagogische Maßnahmen empfiehlt Theunert, Zugänge zu ermöglichen, die auf sozio-kulturelle Milieubedingungen zugeschnitten sind, die unabhängig vom Migrationshintergrund wirksam werden. Damit wird die Defizitperspektive verlassen, um „die Bedeutung transnationaler Kulturmuster und Werthaltungen für den Mediengebrauch sichtbar zu machen“ (Theunert 2007: 18). Ein Handlungsbedarf besteht in der Forschung und bei integrativen Zugängen, die milieuspezifisch angelegt sind und Geschlechterunterschiede berücksichtigen (Theunert 2007: 17).

Geschlechtsspezifische Unterschiede

Geschlechtsspezifische Unterschiede bestehen bei Computer und Internet bei den Vorerfahrungen, beim Zugang zum Computer und bei der eigenen Einschätzung der Computer- und Technikkompetenz sowie bei der Anwendung der Kompetenzen. Diese beginnen, wie wir gesehen haben, schon in der Grundschule und wirken auch im späteren Lebensalter. Es gibt Unterschiede bei der Nutzungsintensität. Mädchen sind zu 80 Prozent und Jungen zu 85 Prozent täglich oder mehrmals in der Woche im Netz (vgl. JIM 2007). Bei den Anwendungen gibt es auch Präferenzen. Mädchen nutzen stärker die kommunikativen Anwendungen und der Anteil der Jungen ist bei den Spielen höher. Viele Erkenntnisse über geschlechtsspezifische Unterschiede bei Migrantinnen und Migranten liegen hauptsächlich für Mädchen und Jungen vor.

  • Beim Zugang zu Computer und Internet besitzen Mädchen mit Migrationshintergrund schlechtere Zugangsmöglichkeiten (vgl. Theunert 2007).Beide Geschlechter haben geringere Zugangsmöglichkeiten zum Internet, wenn sie eine geringere Schullaufbahn einschlagen.
  • Bei der Erschließung alternativer Zugänge gibt es unterschiedliche Präferenzen.
  • Mädchen finden diese in Institutionen (Schulen, Moscheen) oder im Familienumfeld.
  • Jungen suchen öffentliche Räume (Internetcafés) oder Jugendzentren auf oder gehen zu Freunden (Theunert 2007: 10f.).

Bei der Vorbereitung von Maßnahmen sollten geschlechtsspezifische Aspekte berücksichtigt werden. Auch die Bereitstellung reiner Frauenangebote erscheinen sinnvoll und ist von einigen Frauen erwünscht.

Fazit: Bei der Betrachtung der Forschungslage in der Medienforschung fällt insgesamt auf, dass es einige Studien zu der Internetnutzung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund gibt. Noch schlechter sieht die Lage bei Erwachsenen oder Älteren aus. Bei den Untersuchungen zur Herkunft überwiegen die Studien zur Internetnutzung türkischer Migrantinnen und Migranten. Danach folgen meist Untersuchungen für Personen mit postsowjetischem Migrationshintergrund. Für viele weitere Gruppen gibt es keine Untersuchungen.

Ergebnisse aus der Migrations- und Medienforschung

Ungeklärt ist die Frage, ob die kulturelle Herkunft ein Merkmal der digitalen Spaltung ist. Sicher ist jedoch, dass Bildung, Alter und Geschlecht auch bei der migrantischen Bevölkerung Merkmale sind, die erheblichen Einfluss nehmen auf die Nutzung bzw. Nichtnutzung des Internet. Weitere Barrieren für die Internetnutzung von Migrantinnen und Migranten sind

  • mangelnde Medienkompetenzen
  • mangelnde deutsche Sprachkompetenzen und die
  • Nichtberücksichtigung der spezifischen Bedürfnisse von Menschen mit Migrationshintergrund.

Geschlechtsspezifische Unterschiede bestehen beim Zugang, bei der Nutzungsintensität, bei der Zuschreibung eigener Technikkompetenzen, bei der Wahl von alternativen Zugängen und auch bei den Interessen. Das Internet stellt für die Migrantinnen und Migranten und auch für die Aufnahmegesellschaft enorme Potenziale dar. Es ist ein Gestaltungsraum, in dem mit Gleichgesinnten über Themen gesprochen und diskutiert wird, die insbesondere Migrantinnen und Migranten interessieren und in den Massenmedien keinen Eingang finden. Gleichzeitig stellt das Internet eine virtuelle Heimat dar, in der der Migrationshintergrund ein verbindendes Element ist und die Möglichkeit bietet, eine Vielzahl von Öffentlichkeiten mit vielen kulturellen Ausdrucksformen zu kreieren.

Die Funktion der Identitätsbildung ist nicht nur für Jugendliche wichtig, sondern kann unabhängig vom Alter für alle Menschen mit Migrationshintergrund übertragen werden. Wie das Beispiel der deutschtürkischen Migrantinnen und Migranten zeigt, ist der virtuelle Raum ein Medium zur Gestaltung einer selbstbewussten deutschtürkischen Identität, der sich entwickelt und ein Teil der öffentlichen Meinungsbildung in Deutschland darstellt (Kissau 2008: 9).

 

 

3. Präsentation Susanne Eggert:

 

 

4. Präsentation, Dr. Kemal Bozay:

 

 

5. Ergebnisbericht

Der Workshop wurde von Susanne Eggert und Dr. Kemal Bozay geleitet, die aufgrund ihrer Expertise zu diesem Thema ausgewählt wurden. Sie führten in die Themenstellung ein. Anschließend erfolgte die Diskussion anhand der Leitfragen sowie die Formulierung von Thesen, die im Abschlussplenum vorgestellt wurden.

Susanne Eggert fasst in ihrem Vortrag die Funktion der Medien, insbesondere des Internet, für Kinder und Jugendliche zusammen. Unterhaltung und Stimmungsmanagement, Orientierung, Information und Kommunikation werden als wichtigste Medienfunktionen genannt. Sie führt allgemeines Mediennutzungsverhalten von Jugendlichen an und spezifiziert die besonderen Funktionen des Internet für Mädchen und Jungen mit Zuwanderungsgeschichte. Als beeinflussende Faktoren bezüglich der Funktion von Medien stellt sie Persönlichkeits- sowie soziokulturelle Faktoren, Alter, Geschlecht, soziale Herkunft und Bildungshintergrund heraus.

Dr. Kemal Bozay referiert über die Bedeutung der virtuellen Räume in der interkulturellen Jugendkommunikation. Die WDR-Studien „Zwischen den Kulturen“ (2006) und „Migranten und Medien“ (2007) bestätigen, dass für die 14- bis 29-Jährigen mit Migrationshintergrund das Internet das wichtigste Medium ist und eine bedeutende Informations- und Kommunikationsfunktion übernimmt. Jugendliche nutzen Online-Medien für die eher schlagzeilenorientierte Nachrichtenrezeption, zur Unterhaltung (Spiele, Musik) sowie für die Kommunikation mit Freunden und Familienangehörigen. Auch ältere Familienangehörige können teilweise dafür gewonnen werden. Die Online-Mediennutzung fokussiert auf den Community-Gedanken, z. B. beim Besuch von Portalen wie vaybee.de (türkisch-deutsches Angebot zur Kommunikation, Information und Unterhaltung), auf die Nutzung von gemischten Portalangeboten und Web 2.0-Elementen. Dr. Bozay stellte in seinem Vortrag zudem das von Schulen-ans-Netz initiierte Projekt „mixopolis.de – Interkulturelles Jugend-Online-Portal“ vor, das sich an Jugendliche mit einer Affinität zu webbasierten Kommunikations- und Bildungsangeboten sowie Akteurinnen und Akteuren aus Beruf und Bildung wendet.

Gesammelte Schlagworte auf den Stellwänden:
  • Nutzenfrage
  • Bildungshintergrund
  • Kommunikationsbedürfnis
  • Jugendliche dort abholen, wo sie sind
  • An vorhandenen Angeboten aufbauen
  • Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen aufgreifen
  • Handlungsbedarf
  • Potenziale der Jugendlichen ausschöpfen
  • Stärkere Sensibilisierung der Eltern
  • Curriculum: interkulturelle Medienkompetenz (Schule)
  • Chancen der digitalen Partizipation von Jugendlichen fördern

Diskussionsergebnisse zu den Leitfragen:

1. Welchen Nutzen hat das Internet für diese spezielle Gruppe mit Migrationshintergrund?

Der Großteil der Jugendlichen zeigt eine hohe Affinität zum Internet. Durch das Kommunizieren in der Mutter- sowie in der Landessprache („code-switching“) birgt es die Möglichkeit des Auslebens von „hybriden Identitäten“ und bietet zudem die Möglichkeit einer Brückenfunktion zwischen dem Aufnahme- und Heimatland, indem ein Austausch mit „Schicksalsgenossinnen und –genossen“ stattfindet und Kontakte ins Heimatland aufrecht erhalten werden. Viele Jugendsubkulturen weisen zudem verbindende Elemente (Musik, Kultur, "Lifestyle") auf, mit denen Gemeinsamkeiten betont, eine interkulturelle Community geschaffen und der medialen/virtuellen Segregation entgegengewirkt werden kann. In Hinblick auf Themenfelder wie Lebens- und Berufsorientierung für Jugendliche mit Migrationshintergrund können Online-Angebote helfen, interkulturelle und berufliche Potenziale und Kompetenzen zu stärken, die die Ausbildungsbeteiligung junger Migrantinnen und Migranten erhöhen.

2. Welche Erkenntnisse über spezifische Merkmale der Nutzung, Nicht-Nutzung und Art der Nutzung liegen vor?

Mädchen und Jungen nutzen das Internet zur Information, zur Orientierung bei der Suche nach ihrer sozialen und geschlechtlichen Identität, zur Kommunikation, Unterhaltung und zum Stimmungsmanagement, z. B. durch die Rezeption von Musik. Hierbei verdeutlichen die Ausführungen von Frau Eggert, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund ein Zusammengehörigkeitsgefühl durch die gemeinsame Nutzung nationaler – insbesondere musikalischer – Medienangebote entwickeln. Es hat sich zudem gezeigt, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund oftmals eine andere Einstellung zu medialer Gewalt haben als einheimische Mädchen und Jungen. Problematisch ist, dass Altersfreigaben im Internet meist problemlos umgangen werden können. Die Darstellung von Migrantinnen und Migranten in den Medien wird von Jugendlichen mit Migrationshintergrund genau beobachtet. Fehlende Medienkompetenz kann dabei zu fragwürdigen Orientierungen führen und u. U. problematische Rollenzuschreibungen, insbesondere in Hinblick auf Sexualität, provozieren.

3. Welche Hemmnisse oder Barrieren lassen sich für diese Gruppe identifizieren?

Ein geringer Bildungshintergrund ist als Hemmnis für den Erwerb von Online-Kompetenz zu werten. Jugendliche aus höher gebildeten Milieus zeigen ein deutlich differenzierteres Mediennutzungsverhalten als ihre Altersgenossinnen und -genossen aus einem niedriger gebildeten Umfeld. Diese sind eher auf direkte Bezüge zu ihrem eigenen Umfeld fixiert, während höher gebildete Jugendliche auch „über den Tellerrand“ hinausblicken und sich für politische Themen sowie das aktuelle Weltgeschehen interessieren. Die Partizipation im Internet von höher gebildeten Jugendlichen ist also stärker.

4. Worin besteht der Handlungsbedarf für diese Gruppe und wie können gezielte Maßnahmen aussehen?

Einigkeit herrscht darüber, dass die Defizitperspektive verlassen werden muss. Kinder und Jugendliche zeigen ein großes Potenzial in Hinblick auf den Umgang mit digitalen Medien. Dieses Potenzial muss genutzt und gestärkt werden. Zu den Wegen, die diesbezüglich beschritten werden sollen, gibt es unterschiedliche Ansätze und Ansichten. Ist es sinnvoller, ein zielgerichtetes Angebot/Portal für Jugendliche zu schaffen, oder die Jugendlichen direkt, auf entsprechenden Community-Seiten anzusprechen, auf denen sie sich ohnehin bewegen?

Betont wird in der Diskussion, dass sich das Erlernen von Medienkompetenz nicht auf eine bestimmte (migrantische) Zielgruppe unter den Heranwachsenden beschränken sollte, sondern es sich um eine generell für alle Kinder und Jugendlichen zu erwerbende Kompetenz handelt. In diesem Zusammenhang taucht die Frage auf, ob der Erwerb von Medienkompetenz in das schulische Curriculum eine sinnvolle Forderung ist. Dafür sprechen Erfahrungen aus skandinavischen Ländern, in denen Medienerziehung ein selbstverständlicher Teil der schulischen Lehrpläne ist. Dagegen spricht, dass die Schülerinnen und Schüler dem Lehrpersonal zumeist bezüglich der Anwendungen des Web 2.0 überlegen sind. Zum anderen zeigen Erfahrungen der Expertinnen und Experten aus der Praxis, dass es sinnvoll ist, die Jugendlichen zielgruppenspezifisch anzusprechen, d. h. Zugänge zu ihnen über für sie relevante Themen (z. B. Musik, „Lifestyle“) zu finden, um Themen wie Lebens- und Berufsorientierung aufzugreifen.

Das anglo-amerikanische Modell der „peer education“ – Bildung und Erziehung von Gleichaltrigen durch Gleichaltrige – das auch in anderen europäischen Ländern mehr und mehr an Bedeutung gewinnt, könnte auch im Zusammenhang mit Online-Kompetenz eine denkbare Zugangsmöglichkeit darstellen. Web 2.0-Elemente können eine identitätsstiftende Wirkung entfalten. Es gibt jedoch auch kritische Stimmen in der Diskussion, die es nicht unproblematisch finden, Jugendliche zur Nutzung dieser Anwendungen zu animieren.

Es wird infrage gestellt, ob die Elemente des Web 2.0 wirklich zur Identitätsfindung beitragen oder ob sie als pubertäres Spiel und Experiment genutzt werden mit Folgen, die mitunter später bitter bereut werden? Die Förderung der Internetnutzung von Heranwachsenden sollte nur in Verbindung mit entsprechendem Kinder- und Jugendschutz erfolgen. In diesem Zusammenhang taucht die Frage nach der Rolle der Eltern auf. Herr Dr. Bozay verweist in seinem Vortrag darauf, dass die Jugendlichen durch ihre Eltern ermutigt werden, Internet und Computer für sich zu nutzen. Eltern – insbesondere aus bildungsbenachteiligten Milieus – verfügen vermutlich jedoch nicht über entsprechende Medienkompetenz und sollten deshalb in Hinblick darauf stärker sensibilisiert werden. Nicht zuletzt sollte der Heterogenität der Migrantinnen und Migranten in Deutschland Rechnung getragen werden und innerhalb dieser Gruppe stärker differenziert werden.

 

 

6. Thesen des Workshops

Es haben sich zwei wichtige Themenschwerpunkte herauskristallisiert:

  1. Die Defizitperspektive muss verlassen werden. Kinder und Jugendliche zeigen Potenzial in Hinblick auf den Umgang mit digitalen Medien; diese müssen gestärkt werden
  2. Die Eltern spielen eine wichtige Rolle hinsichtlich des Medienumgangs der Heranwachsenden. Eltern mit migrantischem Hintergrund müssen für den Medienumgang ihrer Kinder sensibilisiert werden

 

 

7. Downloads

pdf WS Kinder und Jugendliche: Bozay [123,28 kB | pdf]

Quelle: http://www.kompetenzz.de/Digitale-Integration/Migrantinnen/Expertise/Berliner-Fachtagung/Workshops/Kinder