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Kompetenzzentrum

Migrantinnen und Migranten aus Staaten der ehemaligen Sowjetunion (GUS)

Für den intensiven fachlichen Austausch zu Einzelaspekten der Bestandsaufnahme wurden zwei Workshoprunden durchgeführt. In jeder Workshoprunde fanden vier Workshops mit bis zu 15 geladenen Expertinnen und Experten parallel statt. Für die zweite Workshoprunde war die Herkunft Ausgangspunkt der Fragestellung. Für alle Workshops bildete die Genderperspektive eine wichtige Grundlage. Im Abschlussplenum wurden die Ergebnisse aus den Workshops zusammengeführt und diskutiert.

 

  1. Teilnehmerinnen und Teilnehmer
  2. Ergebnisse der Bestandsaufnahme
  3. Präsentation Dr. Kathrin Kissau
  4. Präsentation Andreas Scherer
  5. Ergebnisbericht
  6. Thesen des Workshops
  7. Downloads
 

1. Teilnehmerinnen und Teilnehmer

  • Claudia Camp von der Gathen
  • Jutta Croll
  • Tatjana Daskevic
  • Susanne Eggert
  • Prof. Dr. Andreas Hepp
  • Gundel Hessemer
  • Dr. Kathrin Kissau (Leitung)
  • Christiane Lembert-Dobler
  • Cornelia Lins
  • Patrick Melzer
  • Cemalettin Özer
  • C. Rhode
  • Andreas Scherer (Leitung)
  • Dr. Marina Seveker
  • Canan Topçu
  • Rita Zaltsman

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2. Ergebnisse der Bestandsaufnahme

Im Rahmen des Projektes wird eine Bestandsaufnahme von Primär- und Sekundärstudien zur Online-Kompetenz von Migrantinnen und Migranten durchgeführt. Ausgangspunkt sind die vom Statistischen Bundesamt im Mikrozensus 2005 vorgelegte Definition von „Migrationshintergrund“ und der nationale Integrationsplan, der in den neuen Medien Computer und Internet erhebliche Potenziale für die Integration sieht. Die Bestandsaufnahme umfasst neben den Ergebnissen der Internet-, Migrations- und Medienforschung auch eine Übersicht der Internetportale für Migrantinnen und Migranten sowie Beispiele guter Praxis.

Migrationshintergrund und ethnisch-kulturelle Prägung bzw. Zugehörigkeit

  • Internetangebote für Migrantinnen und Migranten

Internet – ein Raum für Diskurse

Bei vielen Migrantinnen und Migranten besteht der Wunsch nach Anerkennung und einer angemessenen Repräsentanz in den Massenmedien. Da aber die Berichterstattung gefühlt oder real diesem Wunsch nicht entspricht, wird das Internet als Diskursraum genutzt, um sich gegen das negative Bild der Migrantinnen und Migranten in den deutschen Massenmedien zu wehren und eine Gegenöffentlichkeit herzustellen.

Die Berichterstattungen in den Massenmedien werden kritisch verfolgt und zwischen den Mitgliedern der Communities diskutiert. Gleichzeitig ist das Internet ein Raum, wo sich Gleichgesinnte auf gleicher Höhe austauschen und diskutieren können.

Androutsopoulus (2005) prägt den Begriff der hybriden Diskursräume, in denen ein Dialog zwischen den Kulturen stattfindet. Die kulturelle Identität ist nicht abgrenzbar zwischen Herkunfts- und Aufenthaltsland, sondern ist in einem ständigen Dialog zwischen den beiden Kulturen zu verstehen, der im Rahmen einer Spannung zwischen der Bewahrung der ethnischen Identität und der Aneignung der Aufnahmekultur stattfindet.

Auch Hugger (2007: 173) thematisiert in seinen Arbeiten die hybride Identität, die als eine Möglichkeit des Auslebens von Mehrfachidentitäten gesehen wird. Das Aushandeln der gemachten Erfahrungen als Migrantin oder Migrant im virtuellen Raum führt nach Goel (2007) zu einer erhöhten Handlungsfähigkeit.

Eine weitere Ebene der Auseinandersetzung in den Communities bezieht sich nicht nur auf das „wir“ und den „Deutschen“, sondern bezieht sich auch auf die heterogene Zusammensetzung der verschiedenen Individuen in den ethnischen Gruppen. Die Gegenöffentlichkeit versteht sich nicht als eine Form der Abgrenzung, sondern ist in der Vielfältigkeit von Öffentlichkeiten zu sehen. Außerdem werden in der Diskussion von Migrantinnen und Migranten mit Menschen ohne Migrationshintergrund Potenziale gesehen, gegenseitige Vorurteile abzubauen (Murt 2007).

Weiterhin ist es auch ein virtueller Raum, in denen Menschen ohne Migrationshintergrund teilnehmen, z.B. als Interessierte an der Kultur. Dies ist deutlich am Portal Theinder.net zu beobachten, wo mittlerweile 40 Prozent der User Menschen ohne Migrationshintergrund sind.

Für die deutschtürkische Gruppe ist der virtuelle Raum ein Medium zur Gestaltung einer selbstbewussten deutschtürkischen Identität, der sich entwickelt und ein Teil der öffentlichen Meinungsbildung in Deutschland darstellt (Kissau 2008: 9).

Virtuelle Räume befriedigen soziale Bedürfnisse

Immer mehr Migrantenselbstorganisationen weiten ihre Aktivitäten auf das Internet aus. Dadurch werden ihre Anliegen nicht nur für Migrantinnen und Migranten öffentlich gemacht, sondern sie werden auch in die deutsche Öffentlichkeit getragen. Im Internet etablieren sich neben den Migrantenselbstorganisationen neue Formen der Vernetzung. In sogenannten Online-Vereinen sind zum Teil mehr registrierte Mitglieder als durchschnittlich in den klassischen Vereinen der Migrantenselbstorganisationen. Beispielsweise hat das Portal Bizimalem 470.000 registrierte Mitglieder . Die Besonderheit der Online-Vereine liegt darin, dass sie soziale Bedürfnisse ihrer Mitglieder online lösen. Das Internet schafft so neue virtuelle Räume für flexible, vielleicht auch flüchtige, neue Gefüge von Gemeinschaften (Kissau 2008).

Wer steckt hinter den Ethnoportalen?

Nach den Ergebnissen der Studien zum „Politischen Potenzial des Internet“ (PPI) werden die Webportale für Migrantinnen und Migranten sehr häufig von Vereinen und nicht kommerziellen Organisationen oder von Einzelpersonen betrieben. Bemerkenswert bei der türkischen Community ist, obwohl sie über einen hohen Organisationsgrad in den Migrantenselbstorganisationen verfügen, werden mehr Angebote von Einzelpersonen als von Vereinen bereitgestellt (vgl. Kissau 2007, 2008; Murt 2007).

Das Potenzial für politische Partizipation

Das Internet hat für politische Informationen eine zentrale Rolle eingenommen, die mit einem Bedeutungsverlust für die klassischen Massenmedien einhergeht. Gleichzeitig hat das Internet zu einer generellen Mobilisierung der türkischstämmigen und auch für einen Teil der postsowjetischen Migrantinnen und Migranten geführt. Dies zeigt sich, dass durch die Nutzung des Internet auch offline eine stärkere Auseinandersetzung mit politischen Themen stattfindet (Kissau 2008, 2007).

Aksünger hebt auch die politische Partizipation und die Erweiterung der kulturellen Vielfalt, die sie als Ressource für Deutschland betrachtet, als Potenzial der ethnischen Internetangebote hervor. Weiteres Potenzial sieht sie in der Integration und in der Stärkung des bürger-schaftlichen und ehrenamtlichen Engagements.

Internetnutzung und Migrationshintergrund

Aus den Erfahrungen verschiedener Projekte hat Hinkelbein drei Barrieren für die Internetnutzung von Migrantinnen und Migranten als wesentlich:

  • fehlende Medienkompetenz
  • geringe deutsche Sprachkompetenz
  • die Nichtberücksichtigung spezifischer Bedürfnisse der Menschen mit Migrationshintergrund bei den angebotenen Maßnahmen

Medienkompetenz ist eine zentrale Grundlage zur Integration in die Informationsgesellschaft. Viele Migrantinnen und Migranten waren und sind in Arbeitsfeldern tätig, in denen digitale Medien entweder keine oder nur eine geringe Rolle spielen, so dass sie darüber keine Möglichkeit haben und hatten, sich Medienkompetenzen anzueignen (Hinkelbein 2007: 95).

Geringe deutsche Sprachkompetenz spielt auf der Ebene der Inhalte und deren Vermittlung eine Rolle (Hinkelbein 2007: 94).

Um spezifische Zugangsbarrieren identifizieren zu können, ist es nötig, die Lebenswelten der betroffenen Menschen zu kennen. Hier bedarf es weiterer Forschung.

Wird auf die spezifischen Bedürfnisse der Menschen mit Migrationshintergrund eingegangen, so müssten auf jeden Fall Internetkursangebote für Menschen mit geringen oder keinen Deutschkenntnissen angeboten werden und mehr fremdsprachige Internetangebote im Rahmen von eGovernment-Maßnahmen zur Verfügung stehen.

Hinkelbein hat verschiedene Projekte analysiert. Ein Best-Practice ist das Projekt „buerger-gehen-online“ der Stadt Esslingen, das PC-Treffpunkte an öffentlich zugänglichen Orten zur Verfügung stellt. Ausgebildete Mentorinnen und Mentoren bieten bei Bedarf Unterstützung beim Erwerb von Medienkompetenzen an. Es gibt vielfältige Angebote, darunter auch zielgruppenspezifische Kursangebote mit muttersprachlicher Unterstützung und computergestützte Sprachkurse.

Nicht die kulturelle Herkunft, sondern das Milieu entscheidet über Internetnutzung: Hinkelbein hat die These aufgesellt, dass die kulturelle Herkunft ein Merkmal der digitalen Spaltung darstellt, wenn er auch zu Recht auf die Heterogenität der Gruppe hinweist und auch die ökonomische Situation als Merkmal der digitalen Spaltung ansieht.

Einen ganz anderen Hinweis liefert die Sinus-Studie „Migranten in Deutschland“ von Sinus Sociovision. Ein wichtiges Ergebnis der Studie ist, dass die Herkunft nicht auf eine Milieuzughörigkeit und umgekehrt auch eine Milieuzugehörigkeit nicht auf die Herkunft schließen lässt. Das legt den Schluss nah, dass die Internetnutzung eher in den Milieus und nicht in den Ethnien variiert. Dies festzustellen, bleibt weiteren Studien vorbehalten. Die Sinus-Studie „Migranten in Deutschland“ ist eine repräsentative, qualitative Vorstudie. Darin enthalten sind auch Untersuchungen zur Mediennutzung und Ausstattung von Computer und Internet. Die Ergebnisse sind im Dezember 2008 veröffentlicht worden.

Türkischstämmige und postsowjetische Migrantinnen und Migranten

Die folgenden Ergebnisse stammen aus den Untersuchungen aus dem Projekt „Politisches Potenzial des Internet“ der Universität Münster. Dabei ist zu beachten, dass die beiden befragten Gruppen der türkischstämmigen und postsowjetischen Migrantinnen und Migranten über eine hohe Internetaffinität verfügen (90 bis 94,1 Prozent sind täglich online).

In der türkischen Gruppe der Befragten ist der Bildungsgrad sehr hoch, dafür liegt der Frauenanteil bei knapp einem Viertel. Bei den Befragten mit postsowjetischem Migrationshintergrund ist das Geschlechterverhältnis ausgeglichen. Das Durchschnittsalter liegt bei 35,9 (türkische Gruppe) und 35,8 Jahren (postsowjetische Gruppe).

Für politische Themen wird das Internet immer wichtiger, dagegen müssen traditionelle Medien einen Bedeutungsverlust als Informationsquelle für politische Informationen hinnehmen. Das Internet dient als Ausgleich zu den „informationellen Defiziten“ der offline angebotenen Massenmedien (Kissau 2008: 5).

Migrantinnen und Migranten sehen sich in den Massenmedien in der Häufigkeit und in der Darstellung schlecht vertreten. Die Besonderheit des Internet wird von den Migrantinnen und Migranten darin gesehen, dass dort Themen angeboten werden, die besonders Migrantinnen und Migranten interessieren.

Das Internet ist Gestaltungs- und Diskursraum und stellt für die Migrantinnen und Migranten eine virtuelle Heimat dar. In dieser virtuellen Heimat wird der Migrationshintergrund ein verbindendes Element, da im Gegensatz zu der Offline-Welt, der Migrationshintergrund in der ethnischen Gemeinschaft positiv besetzt ist. Das Internet wird zu einem identitätsstiftenden Raum, der die Möglichkeit bietet, eine Vielzahl von Öffentlichkeiten mit vielen kulturellen Ausdrucksformen zu kreieren (Kissau 2008: 6f.).

Websiteangebote von Parteien, Behörden und Regierung: Wie auch die Studie „E-Commerce“ kommen die Untersuchungen des Projekts „Politisches Potenzial des Internet“ zu dem Ergebnis, dass Informationsangebote von Parteien, Behörden und der Regierung bei den postsowjetischen und den türkischstämmigen Migrantinnen und Migranten eine geringe Relevanz haben. Dass Projekt stellt die These auf, dass die Migrantinnen und Migranten keine Zielgruppe der politischen Akteurinnen und Akteure sind und sie von deren Onlineangeboten nicht angesprochen fühlen (Kissau 2008: 4). Die eCommerce-Studie sieht die schwer verständliche Fachsprache als Hemmnis an, die nicht nur für Menschen mit geringen deutschen Sprachkenntnissen, sondern auch, unabhängig eines Migrationshintergrundes, für Menschen, die über gute deutsche Sprachkenntnisse verfügen, ein Problem darstellen.

Sprachverwendung im Internet: Viele Migrantinnen und Migranten sind mehrsprachig und setzen dieses Potenzial entsprechend ein. Dabei ist eine Hinwendung zur deutschen Sprache im Internet zu erkennen, wobei auch die Herkunftssprachen auf den Websites zu finden sind. Dies entspricht einem Trend, der auch bei der Verwendung von klassischen Medien in der zweiten und dritten Generation von Migrantinnen und Migranten zu beobachten ist.

Bei den Angeboten für postsowjetische Migrantinnen und Migranten ist der Anteil der verwendeten russischen Sprache höher im Vergleich zur deutschen Sprache.

Bei der türkischen Community überwiegen die Angebote in deutscher Sprache. Interessant ist das Ergebnis, dass türkischstämmige Migrantinnen und Migranten online häufiger deutsch verwenden als offline, sei es im Alltagsgeschehen oder bei politischen Gesprächen (Kissau 2008: 6) .

Kommunikation: Bei den Gesprächspartnerinnen und –partnern im sozialen Raum Internet gibt es bei Personen mit türkischstämmigem und postsowjetischem Migrationshintergrund unterschiedliche Präferenzen.

Türkische Migrantinnen und Migranten kommunizieren am häufigsten mit anderen Personen mit türkischem Migrationshintergrund (59 Prozent), dann mit Personen ohne Migrationshintergrund (52 Prozent) und erst an dritter Stelle mit Personen aus der Türkei (41 Prozent).

An erster Stelle stehen bei den postsowjetischen Migrantinnen und Migranten auch Personen mit gleichem Migrationshintergrund (57 Prozent). Doch an zweiter Stelle folgen hier Diskussionspartner(innen) aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion (56 Prozent) und an dritter Stelle folgt die Kommunikation mit Einheimischen (34 Prozent).

Themen: Bei den Themen interessieren sich die türkischstämmigen Migrantinnen und Migranten am meisten für „Migration und Integration“ (29,3 Prozent). Dieses Thema steht für die Menschen mit postsowjetischem Migrationshintergrund erst an vierter Stelle. Für sie ist das Thema "Internationale Beziehungen" mit 46,6 Prozent am wichtigsten (siehe Abbildung 3). Abbildung 3: Interessensthemen von türkischen und postsowjetischen Migrantinnen und Migranten Quelle: Kissau, 2007, 2008 Politische Partizipation: Das Internet wird von den Migrantinnen und Migranten für den politischen Austausch, zur Meinungsbildung und zur politischen Partizipation genutzt. Neben der Diskussion haben 68,2 Prozent der türkischstämmigen Migrantinnen und Migranten an einer Unterschriftenaktion und 65,9 Prozent an einer Online-Demo oder einem Abstimmungsverfahren teilgenommen (Kissau 2008).

Die postsowjetischen Migrantinnen und Migranten nahmen zu 46,6 Prozent an einer Online-Abstimmung teil und haben sich mit 35,8 Prozent einer Online-Petition angeschlossen. 61 Prozent der postsowjetischen Migrantinnen und Migranten sind auf den Ebenen „Informationen“, „Diskussion“ und „Partizipation“ aktiv (Kissau 2007).

Fazit: Das Internet stellt für die Migrantinnen und Migranten und auch für die Aufnahmegesellschaft enorme Potenziale dar. Es ist ein Gestaltungsraum, in dem mit Gleichgesinnten über Themen gesprochen und diskutiert wird, die insbesondere Migrantinnen und Migranten interessieren und in den Massenmedien keinen Eingang finden.

Gleichzeitig stellt das Internet eine virtuelle Heimat dar, in der der Migrationshintergrund ein verbindendes Element ist und die Möglichkeit bietet, eine Vielzahl von Öffentlichkeiten mit vielen kulturellen Ausdrucksformen zu kreieren.

Studien zur Internetnutzung türkischer Migrantinnen und Migranten überwiegen bei Untersuchungen nach Herkunft. Mit Abstand folgt dann die Gruppe der Personen mit postsowjetischem Migrationshintergrund. Für andere Gruppen liegen bis auf die Studie „Migranten und Medien 2007“ keine speziellen Untersuchungen zur Internetnutzung in Deutschland vor. Dort sind Ergebnisse zu italienischen, griechischen, polnischen und ex-jugoslawische Migrantinnen und Migranten zu finden. In der Sekundäranalyse von Billes-Gerhart (2003) stammen 57 Jugendliche aus 18 Nationen: u.a.: türkisch, italienisch, russisch, iranisch, albanisch, kroatisch …

Für medienpädagogische Maßnahmen empfiehlt Theunert, Zugänge zu ermöglichen, die auf sozio-kulturelle Milieubedingungen zugeschnitten sind, die unabhängig vom Migrationshintergrund wirksam werden. Damit wird die Defizitperspektive verlassen, um „die Bedeutung transnationaler Kulturmuster und Werthaltungen für den Mediengebrauch sichtbar zu machen“ (Theunert 2007: 18).

Ein Handlungsbedarf besteht in der Forschung und bei integrativen Zugängen, die milieuspezifisch angelegt sind und Geschlechterunterschiede berücksichtigen (Theunert 2007: 17).

3. Präsentation Dr. Kathrin Kissau

 

 

4. Präsentation Andreas Scherer

 

 

5. Ergebnisbericht

Der Workshop wurde von Frau Dr. Kathrin Kissau und Herrn Andreas Scherer geleitet, die aufgrund ihrer Expertise zu diesem Thema ausgewählt wurden. Sie führten in die Themenstellung ein. Anschließend folgte die Diskussion anhand der Leitfragen sowie die Formulierung von Thesen, die im Abschlussplenum vorgestellt wurden.

Dr. Kathrin Kissau stellte die Ergebnisse der Befragung von postsowjetischen und türkischen Migrantinnen und Migranten der Universität Münster vor, die sie im Rahmen des Projekts „Politisches Potenzial des Internet“ untersucht hat.

Bei der Betrachtung der beiden Gruppen werden unterschiedliche Nutzungsmuster in der Internetnutzung deutlich. Dies zeigt sich bei der unterschiedlichen Wahl der deutschen und der Herkunftssprache, bei dem Aufsuchen von Webseitentypen und auch bei der inhaltlichen Ausrichtung (Herkunftsland, Deutschland, beides und international).Insgesamt werden die russischsprachigen Migrantinnen und Migranten als sehr internetaffin beschrieben.

Sprachverwendung: Die Internetsphäre von Migrantinnen und Migranten aus der ehemaligen Sowjetunion ist russischsprachig. Das gilt für Internetangebote als auch bei der Verwendung der Sprache. Über ¾ der postsowjetischen Internetnutzenden verwendet online vorrangig die russische Sprache selbst dann, wenn sie gute Deutsch- oder Englischkenntnisse besitzen.

Kontakte zu anderen: Migrantinnen und Migranten aus der ehemaligen Sowjetunion bleiben online unter sich. An erster Stelle bestehen Kontakte zu Migrantinnen und Migranten aus dem gleichen Herkunftsland. Dies gilt auch für Befragte mit türkischem Migrationshintergrund. Für die postsowjetischen Migrantinnen und Migranten folgen an zweiter Stelle Kontakte zu Personen aus Staaten der ehemaligen Sowjetunion und an dritter Stelle zu Deutschen. Für Befragte mit türkischem Migrationshintergrund folgen an zweiter Stelle Kontakte zu Deutschen und dann zu Personen aus der Türkei.

Genutzte Internetangebote: Die Internetsphäre postsowjetischer Migrantinnen und Migranten wird von privaten und kommerziellen Angeboten dominiert. Vereine und staatliche Angebote, die sich auch an diese Zielgruppe richten, gibt es zum einen seltener und werden auch weniger genutzt. Die inhaltliche Ausrichtung der postsowjetischen Migrantinnen und Migranten ist international. Das bedeutet, dass die Internetsphäre weniger auf Deutschland sondern grenzüberschreitend ausgerichtet ist. Türkische Internetangebote haben dagegen einen stärkeren Deutschlandbezug.

Das Besondere des Internet für die Internetnutzerinnen und -nutzer:

  • Leichtere Kontaktmöglichkeit zum Herkunftsland
  • einfache und günstige Nutzung
  • weniger Hemmungen, die eigene Meinungen zu äußern, ohne perfekt sprechen und schreiben zu können
  • besondere Angebote, die die Interessen der Migrantinnen und Migranten widerspiegeln und durch die klassischen Massenmedien nicht abgedeckt werden.

Gründe der Nicht-Nutzung:

  • Fehlende Medienkompetenz
  • hohe Kosten
  • es wird kein Mehrwert des Internet für das eigene Leben gesehen.

Dennoch besteht ein grundsätzlich positives, chancenbetonendes Bild des Internet bei den Nicht-Nutzenden.

Andreas Scherer stellte das Projekt Colab vor, das sich an „schwer vermittelbare“ und „leistungsbereite“ Jugendliche aus dem russischsprachigen Raum richtet und ihnen mit einem medienpädagogischen Ansatz Berufsperspektiven bieten möchte. Diese Jugendlichen haben aufgrund der Zuwanderung keinen in Deutschland anerkannten Schulabschluss. Häufiges Problem der Jugendlichen besteht in mangelnden Deutschkenntnissen, die eine große Barriere für passende Bildungsangebote darstellen.

Das Projekt Radio rasik.de bietet postsowjetischen Jugendlichen ein Szeneradio für deutsch- und russischsprachigen Underground HipHop an. Dabei wird die Technik und Gestaltung der Website eigenverantwortlich von den Jugendlichen betrieben. Die Community umfasst etwa 1.000 Mitglieder und die Sendungen werden bis zu 10.000 Mal heruntergeladen.

Durch das Projekt werden Jugendliche über ihr großes Interesse an Musik und Medien angesprochen.

In dem Projekt werden zurzeit 6 Auszubildende und 2 Praktikanten ausgebildet. Potenziale des Projekts sieht Andreas Scherer für die Jugendlichen und die Aufnahmegesellschaft.

Auf der Seite der Jugendlichen erwerben diese durch das Projekt technische, redaktionelle und sprachliche Kompetenzen. Auf der anderen Seite gibt es in Deutschland einen Fachkräftemangel im IT-Bereich, der durch die Potenziale der Migrantinnen und Migranten mit passgenauen Angeboten gemindert werden kann.

Die Finanzierung dieses Projekt ist ein kritischer Erfolgsfaktor.

 

Gesammlete Schlagworte auf den Stellwänden:

 

Nutzen

  • Hilfe zur Selbsthilfe
  • Aus Online werden Offlinekontakte
  • Zugang zur Gruppe „Faszination Internet“

Spezifische Merkmale

  • Russischsprachig
  • Große Heterogenität
  • Vorrangig Kontakte untereinander

Nicht Nutzung

  • Fehlende Kompetenzen
  • Hohe Kosten
  • Fehlender persönlicher Mehrwert
  • Ablehnung aus religiösen Gründen

Handlungsbedarf

  • Interkulturelle Öffnung der Aufnahmegesellschaft/Medien
  • Internetaffinität nutzen
  • Förderung und Kooperation von/mit Onlineinitiativen von Migrantinnen und Migranten

 

Diskussionsergebnisse zu den Leitfragen:

 

1. Welchen Nutzen hat das Internet für diese spezielle Gruppe mit Migrationshintergrund?

Das Internet ist ein Medium zur Selbsthilfe, in dem es Informationen und Austausch für migrationsspezifische Fragen und Bedürfnisse liefert. Alltagshilfe und Austausch mit Gleichgesinnten sind hier wichtige Punkte (zum Beispiel bei Fragen zu zweisprachiger Erziehung der Kinder).

Eine Expertin beobachtet, dass aus langjährigen Internetkontakten innerhalb der postsowjetischen Migrantinnen und Migranten reale Freundschaften mit Treffen entstehen. Der Zugang zur Zielgruppe kann über die Faszination des Internet mit seinen Möglichkeiten und verschiedenen Interessensangeboten erfolgen, wie das Projekt Colab zeigt und auch von der Forschung bestätigt wird.

Für die Jugend ist ein Zugang über das Thema Musik möglich. Er kann allgemein über die eigene Migrationserfahrung sein oder auch über regio-nale Bezüge zum Herkunfts- oder Aufnahmeland. Die Expertinnen und Experten beobachten, dass im Zuge der Globalisierung eine regionale Nostalgie entsteht, wo lokale Kulturen und Identitäten wieder entdeckt oder betont werden (Stichwort Glokalisierung).

2. Welche Erkenntnisse über spezifische Merkmale der Nutzung, Nicht-Nutzung und –art der Nutzung liegen vor?

Bei den postsowjetischen Migrantinnen und Migranten besteht große Heterogenität, die nicht nur über Alter, Geschlecht und Bildung zu erklären ist, sondern über die Vielfalt der verschiedenen Kulturen mit eigener Geschichte, die aus der großen Anzahl von Staaten der ehemaligen Sowjetunion resultieren. Migrationsgründe und Rückkehrabsichten sind weitere Aspekte der Heterogenität. Des Weiteren gibt es jüdische Migrantinnen und Migranten, die nach Deutschland eingewandert sind. Ein verbindendes Element der postsowjetischen Migrantinnen und Migranten ist die russische Sprache obwohl es auch Länder gibt, in denen andere Sprachen gesprochen werden. Ein spezifisches Merkmal ist, dass Internetkontakte von postsowjetischen Migrantinnen und Migranten vorrangig untereinander bestehen.

3. Welche Hemmnisse oder Barrieren lassen sich für diese Gruppe identifizieren?

Für die Nicht-Nutzung werden fehlende Medienkompetenzen, zu hohe Kosten und der fehlende Mehrwert für den eigenen Alltag als Ursachen gesehen. Bei einigen Migrantinnen und Migranten, die bestimmten Freikirchen angehören, werden zusätzlich religiöse Gründe für eine Ablehnung des Internet vorgebracht.

Andreas Scherer betont, dass das Vertrauen der Jugendlichen wichtig sei:

  • „Da wir eine Zielgruppe ansprechen, die von anderen schon aufgegeben wurden, ist es wichtig, dass die Jugendlichen Vertrauen fassen in uns. Wenn sie wissen, dass sie sich auf uns verlassen können und wir an sie glauben, verschwindet die Blockade durch negative Erfahrungen und die Jugendlichen zeigen viele Fähigkeiten und Interessen, die vorher verborgen waren. Und dies erreichen wir, in dem wir sie dort abholen, wo sie stehen, und sie ernst nehmen.“
4. Worin besteht der Handlungsbedarf für diese Gruppe und wie können gezielte Maßnahmen aussehen?

Es wird Handlungsbedarf darin gesehen, dass sich die Aufnahmegesellschaft und hier insbesondere die klassischen Massenmedien interkulturell öffnen sollten. Dies wird als langfristiger Prozess betrachtet. Bei Maßnahmen sollte die hohe Internetaffinität der Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion genutzt werden. Die Förderung und Kooperation von/mit Onlineinitiativen von Migranten wird als weitere wichtige Maßnahme gesehen. Damit ist das Fördern von Projekten oder von Migrantenselbstorganisationen gemeint.

6. Thesen des Workshops

Aus zeitlichen Gründen wurden keine Thesen formuliert. Im Abschlussplenum wurden die Punkte des Handlungsbedarfs vorgestellt.

7. Downloads

pdf WS GUS: Ergebnis [357,77 kB | pdf]

pdf WS GUS: Kissau [1,43 MB | pdf]

pdf WS GUS: Scherer [1,20 MB | pdf]

Quelle: http://www.kompetenzz.de/Digitale-Integration/Migrantinnen/Expertise/Berliner-Fachtagung/Workshops/GUS