Prof. Dr. Ina Schieferdecker (Fachgebiet Softwaresicherheit)
Professorin an der Technischen Universität Berlin und Leiterin des Kompetenzzentrums für Modellierung und Testen am Fraunhofer Institut für offene Kommunikationssysteme (FOKUS)
Ina Schieferdecker studierte an der Humboldt Universität zu Berlin Mathematische Informatik. Nach ihrer Promotion an der Technischen Universität (TU) Berlin beschäftigte sie sich mit dem Aufspüren von Fehlern in Softwaresystemen. Seitdem entwickelt sie Testprogramme, mit denen sich insbesondere Kommunikationsnetze systematisch testen lassen. Für ihre herausragende Arbeit auf diesem Gebiet erhielt sie 2004 einen der höchsten Forschungspreise. Die 39-jährige Professorin ist verheiratet und hat zwei Töchter im Alter von 15 und 11 Jahren.
Motto: Alles, was möglich ist, probieren - es könnte interessant sein!
Frau Schieferdecker, als Professorin an der Technischen Universität Berlin und Leiterin des Kompetenzzentrums für Modellierung und Testen am Fraunhofer Institut für offene Kommunikationssysteme (FOKUS) haben Sie sich auf das Testen von Software spezialisiert. Haben Softwaresysteme tatsächlich so viele Fehler?
Ganz fehlerfrei ist eine Software tatsächlich nie. In tausend Zeilen Programmcode kommen zumeist mindestens ein bis zwei Fehler vor. Die heutigen komplexen Systeme bestehen aber aus mehreren Millionen Zeilen, so dass aus diesen ein bis zwei Fehlern schnell zehntausende werden. Softwarebasierte Systeme werden heute jedoch in allen Bereichen, auch sicherheitskritischen wie beispielsweise der Verkehrsindustrie, dem Bankensektor oder der automatisierten Fertigung, eingesetzt. Es ist darum extrem wichtig, die Anzahl der Fehler durch das Testen auf ein Minimum zu reduzieren und so die Qualität der Systeme sicherzustellen.
Wie gehen Sie beim Testen vor?
Anders als Softwareentwicklerin und Softwareentwicklerinnen, die beim Debuggen (mehr zum Debuggen findest du im Interview mit der Studentin Thea Raubinger) unterschiedliche, nicht systematisierte Verfahren anwenden, haben wir uns darauf spezialisiert, Standardverfahren zum Testen von Softwaresystemen zu entwickeln. Unser Ziel ist es, mit modellbasierten Methoden wie beispielsweise TTCN-3 die System- und Testentwicklung sowie die Analyse und Bewertung von Systemen zu ermöglichen, zu effektivieren und letztendlich auch zu automatisieren.
TTCN-3?
TTCN-3 steht für Testing and Test Control Notation. Mit dieser Testtechnologie ist es möglich, selbst hochkomplexe Kommunikationsnetze systematisch zu prüfen. Das Neue gegenüber anderen Testprogrammen ist, dass TTCN-3 für das Testen unterschiedlicher Datenübertragungssysteme geeignet ist. Internet-Provider, Netzwerkbetreiber und Mobilfunkanbieter - sie alle können mit TTCN-3 ihre Software überprüfen. Und zwar das gesamte System, nicht nur einzelne Programmteile.
Sie haben für ihre herausragenden Arbeiten auf dem Gebiet der Softwareprüfung 2004 den Alfried Krupp-Förderpreis erhalten. Werden Sie das Preisgeld für die Weiterentwicklung Ihrer Testprogramme verwenden?
Ja. Wir möchten, dass TTCN-3 schon während der Softwareentwicklung eingesetzt werden kann, und arbeiten zudem daran, die Testabläufe zu automatisieren. Das heißt, dass nicht mehr von außen definiert werden muss, was getestet werden soll, sondern dass die Testabläufe automatisch aus den Systemvorgaben generiert werden. Das würde den Unternehmen jede Menge Zeit und natürlich auch Geld sparen. Das Preisgeld von 500.000 Euro ermöglicht es mir - ohne äußere Zwänge -, mit zwei Promovierenden in dieser Richtung weiterzuforschen. Das ist eine sehr große Chance, die wir hoffentlich richtig nutzen werden.
Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?
Sehr unterschiedlich: Als Professorin bereite ich Lehrveranstaltungen vor und führe diese durch. Zudem betreue ich Studierende bei ihren Diplomarbeiten und Promotionen. Meine Forschung führe ich sowohl an der TU Berlin als auch bei FOKUS durch. Dazu kommen viele Dienstreisen zu Konferenzen, Workshops, Sommerschulen und Projektpartnern. Aber insbesondere auch die Arbeit am Schreibtisch: Lesen anderer Arbeiten, Nachdenken und Erarbeiten offener Fragestellungen (der Anfang jeder Forschung), eigener Ideen und Lösungen.
Ihr erstes Kind haben Sie noch während des Studiums bekommen, das zweite kam zum Ende Ihrer Promotion zur Welt. Konnten Sie Familie und Karriere immer gut miteinander vereinbaren?
Ja, denn ich hatte immer einen großen Rückhalt durch meine Familie. Meine Eltern haben mich immer sehr unterstützt. Und auch heute ist meine Familie das Fundament meiner Arbeit. Mein Mann und meine Kinder bringen viel Verständnis auf und tolerieren so weit es geht meine vielen Dienstreisen.
Was ist für Sie die größte Herausforderung?
Ich sehe es als Herausforderung, nicht stehen zu bleiben und immer wieder neue Fragestellungen aufzugreifen und zu erarbeiten.
Welche Entwicklungsmöglichkeiten und Chancen sehen Sie für Ihr Tätigkeitsfeld in der Zukunft?
Das ist ziemlich einfach: Wissenschaft und Lehre wird immer notwendig sein - mein Spezialgebiet wird ebenso immer gebraucht werden. Die wesentlichen Entwicklungsmöglichkeiten sehe ich darin, die Informatik und die damit verbundene Forschung und Lehre weiter auszuarbeiten.
Was sollte eine gute Informatikerin an Voraussetzungen mitbringen?
Im Wesentlichen erst einmal all das, was man auch in anderen Berufen braucht: Interesse, Engagement und ein solides Verständnis der Konzepte und Prinzipien des Gebiets. Zudem benötigt man Verständnis und Freude an informationstechnischen Abläufen. Man kann sich technisch bei der Hardware, angewandt bei der Software oder aber konzeptionell in der Wissenschaft bis hin zur theoretischen Informatik aufstellen.
Welchen Rat würden Sie einer interessierten Schülerin mit auf den Weg geben?
Informatik ist ungleich größer als Computerspiele oder die Nutzeroberflächen im Internet, in Word und Excel. Es lohnt sich, hinter die Kulissen zu schauen: Wie funktioniert ein Computer? Wie gelangen Informationen aus New York nach Berlin? Wie können sich Autos "unterhalten" ?... Hier tun sich Welten auf.











