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Studien zur Gewalt im Cyberspace

Wissenschaftlerinnen am Fachbereich Erziehungswissenschaften und Psychologie der Freien Universität Berlin untersuchten in zwei aktuellen Studien den Zusammenhang von Aggressivität und dem Konsum gewalthaltiger Computerspiele.

Die Ereignisse an der Geschwister-Scholl-Schule in Emsdetten vor einigen Wochen hat die Diskussion um ein Verbot von gewalthaltigen Computerspielen wieder neu entfacht. Manche Politiker scheinen sich sicher: Blutrünstige PC-Spiele führen zu einem gefährlichen Realitätsverlust, der anfällige Spieler zu Gewalttätern werden lässt. Doch diese Argumentation ist nicht neu. Denn immer wenn Jugendliche in vergleichbare Gewalttaten verwickelt sind, werden fast reflexartig Medien oder Computerspiele als Auslöser benannt.

Wissenschaftler sind hier sehr viel zurückhaltender. Denn tatsächlich konnten jene Experten, die sich mit Gewaltdarstellungen in den Medien beschäftigen, bisher keinen einfachen Zusammenhang zwischen dem Konsum von brutalen Videospielen und kriminellen Handlungen nachweisen. Zwar haben US-amerikanische Studien gezeigt, dass es einen möglichen Zusammenhang zwischen gewalthaltigen Computerspielen und kurzzeitigen, flüchtigen Erregungszuständen unmittelbar nach dem Spielen geben kann. Nachhaltige Veränderungen der Spieler bis hin zu kriminellen Verhalten konnten hingegen bis heute nicht nachgewiesen werden.

Die aktuellen wissenschaftlichen Studien zeigen, dass die "Wirkung" von Medien nicht, wie vielfach angenommen, losgelöst von den zahlreichen anderen Bereichen des Lebens betrachtet werden kann. Die reale Welt kann also in gleicher Weise das aggressive Verhalten von Kindern und Jugendlichen beeinflussen. Inwieweit es innerhalb dieses komplexen Gefüges einen Zusammenhang zwischen der am Computer virtuell "gespielten Gewalt" und dem aggressiven Verhalten bestimmter Jugendlichen gibt, lässt sich nur durch Längsschnitt-Studien feststellen, die solche Verhaltensveränderungen bei Kindern und Jugendlichen über einen längeren Zeitraum beobachten.

Wissenschaftlerinnen am Fachbereich Erziehungswissenschaften und Psychologie der Freien Universität Berlin haben kürzlich genau das getan. In zwei miteinander verbundenen jeweils über ein Jahr angelegten Längsschnitt-Studien beschäftigten sie sich mit dem Zusammenhang von aggressivem Verhalten und gewalthaltigen Computerspielen. Im Fokus der Arbeiten stand die Frage nach der treibenden Kraft: Sucht sich ein aggressives Kind, entsprechend seiner Persönlichkeit, gewalthaltige Computerspiele aus? Oder sind es die gewalthaltigen Computerspielen, die jugendliche Nutzer erst aggressiv machen? Oder hängt beides miteinander zusammen?

In ihren Dissertationen versuchten Caroline Oppl und Astrid Kristen dieser Fragestellung mithilfe Berliner Grundschülerinnen und Grundschülern, die sie im Abstand von einem Jahr zweimal interviewten, auf den Grund zu gehen. Die Daten der 115 Jungen und 163 Mädchen zwischen 8 und 13 Jahren aus sechs Berliner Grundschulen wurden dann im Rahmen des Projekts KUHL (KinderCompUterHobbyLernen) der Freien Universität Berlin unter der Leitung von Prof. Dr. Maria von Salisch ausgewertet.

Die Ergebnisse von Astrid Kristen und Caroline Oppl zeigen, dass nicht die Spiele die Kinder im Alter zwischen 8 und 13 Jahren aggressiv machten. Vielmehr suchten sich die Schüler und Schülerinnen jene Spiele aus, die zu ihrer Persönlichkeitsstruktur passten. Jungen, die ohnehin ein aggressives Verhalten an den Tag legten, tendierten über die Zeit eher dazu, sich mit gewalthaltigen Computerspielen zu beschäftigen. Mädchen hingegen, die eher zum lügen und intrigieren neigten, also als relational aggressiv eingestuft wurden, wählten über die Zeit eher Rollenspiele als Lieblingsspiele aus. "Unsere Untersuchungen haben damit jene Theorien unterstützt, die von aktiver Mediennutzung ausgehen. Kinder suchen sich solche Spiele aus, die zu ihrem Entwicklungsstand und zu ihrer Persönlichkeit passen. Die Ergebnisse lassen sich damit in die internationale Forschung einordnen", erklären die beiden Autorinnen. Die öffentliche Debatte über gewalthaltige Computerspiele wird weitergehen.

Literatur:
Maria von Salisch, Caroline Oppl und Astrid Kristen, "Computerspiele mit und ohne Gewalt. Auswahl und Wirkung bei Kindern", Kohlhammer Verlag 2006.

Kontakt:
Dr. Caroline Oppl, Telefon: 030 / 22 68 27 75, E-Mail: aufreise@gmx.de
Dr. Astrid Kristen, Telefon: 030 / 46 79 32 35, E-Mail: astrid_kristen@yahoo.de

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