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Viele ungenutzte Potenziale in Deutschland

Migrantenkinder, Frauen, frühkindliche Betreuung: In Deutschland bleiben viele Potenziale, sei es auf Grund mangelnder Bildungschancen für Migrantinnen und Migranten, Fehlanreize durch das Ehegattensplitting oder der Defizite im Bereich der Kinderbetreuung, nach wie vor ungenutzt. Dieses zeigt der neue Wochenbericht des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin). Dabei könnten bereits durch kleine Veränderungen große Wirkungen erzielt werden.

Bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund etwa, so fand ein Forscherteam heraus, ist es oft "nur" ein wenig Aufmerksamkeit oder das Engagement eines Lehrers, Nachbarn oder anderen Erwachsenen, was zu einer neuen Bildungsperspektive verhilft. "Manchmal hilft auch ein Wechsel in ein anderes soziales Milieu, um andere Umgangsformen oder Horizonte kennenzulernen. Dadurch gewinnen die Jugendlichen einen komplett neuen Blick auf das Leben", berichtet DIW-Migrationsexpertin Ingrid Tucci. Gemeinsam mit drei anderen Forschern hat sie die Bildungs- und Erwerbsbiographien junger Migrantennachkommen in Frankreich und Deutschland untersucht und qualitative Interviews mit rund 175 jungen Erwachsenen geführt, die in sogenannten Brennpunktvierteln leben.

Auch bei den Frauen schlummern viele ungenutzte Potenziale. So fand ein zweites Forschungsteam heraus, dass die Tatsache, dass im internationalen Vergleich in Deutschland nur wenig verheiratete Frauen arbeiten, nicht zuletzt am Ehegattensplitting liegt. So ergeben sich bei einer gemeinsamen steuerlichen Veranlagung des Ehepaares hohe Grenzsteuersätze für den den weniger verdienenden Partner, bei dem es sich zumeist um die Frau handelt. Dieses dämpft das Arbeitsangebot. "Wenn es wirklich das wirtschaftspolitische Ziel ist, verheiratete Frauen stärker in den Arbeitsmarkt zu integrieren und damit auch längerfristig der demographischen Entwicklung beim Erwerbspersonenpotential Rechnung zu tragen, sollten dem entgegenstehende Anreize im Steuer- und Transfersystem beseitigt werden", erklärt DIW-Expertin Katharina Wrohlich, eine Autorin der Studie. Der von der SPD eingebrachte Vorschlag, eine Individualbesteuerung einzuführen, aber einen Unterhaltsabzug beizubehalten, würde dem Forscherteam zufolge dabei nur wenig zusätzliche Erwerbsanreize bieten. "Ein erheblich höheres Arbeitsangebot wäre hingegen bei der Einführung einer reinen Individualbesteuerung zu erwarten", erklärt Wrohlich. "Außerdem würde sie zu Steuermehreinnahmen von rund 27 Milliarden Euro führen, das wären etwa 1,1 Prozent des Bruttoinlandsproduktes."

Ein drittes Team von Autorinnen und Autoren, das den Zusammenhang zwischen der Wahl der Kinderbetreuung und der Persönlichkeit der Mutter untersucht hat, fordert mehr Flexibilität: "Ob Eltern Betreuung allein durch Kindertageseinrichtungen nutzen oder mit der Betreuung durch die Großeltern oder andere Personen kombinieren, hängt von vielen Faktoren ab, unseren Studien zufolge auch von der Persönlichkeit der Mutter", sagt DIW-Bildungsexpertin C. Katharina Spieß. "So wählen Mütter, die sehr offen für Neues sind, in Westdeutschland eher eine Kombination aus Kinderbetreuungsstätte und informeller Betreuung ihrer Kinder, etwa durch Verwandte oder eine privat bezahlte Kinderfrau." Schätzen sich die Mütter hingegen als sehr gewissenhaft ein, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass sie neben der Kindertageseinrichtung noch eine zusätzliche Betreuungsform nutzen. "Eine Politik, die auf Wahlfreiheit setzt und durch einen Ausbau der Betreuungsinfrastruktur die Voraussetzungen dafür schafft, kann diesen Unterschieden gerecht werden", lautet das Fazit der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler.

Quelle: www.diw.de

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