Finden Mädchen im TV Vorbilder für die Berufswahl?
Die Fraktion der Grünen im Landtag NRW lud am 7. März 2008 unter dem Motto "MachtFernsehenFrauen" zur Diskussion mit Programmverantwortlichen und -kritiker/innen ein. Seit über 30 Jahren zeigen zahlreiche Untersuchungen zur Vorbildfunktion von Mädchen- und Frauengestalten im Fernsehen, dass diese Frauenbilder Mädchen wenig dazu motivieren, aus Rollenklischees auszubrechen und ein starkes Selbstbewusstsein als Frau zu entwickeln.
Monika Piel, Intendantin des WDR, der größten ARD-Sendeanstalt, sucht Ingenieurinnen. Ziel ist den Anteil von Mitarbeiterinnen im Bereich Technik zu erhöhen und die Zukunft der Medienproduktion mit ihnen aktiv zu gestalten. Doch so leicht finden sich die Technik-Frauen nicht. Mädchen wählen in Deutschland immer noch eher aus einem engen nichttechnischen Berufs- und Studienspektrum. Viele kennen nicht die Fülle der verschiedenen Berufe. 50 % der jungen Frauen und 43 % der jungen Männer berichten laut Untersuchungen des Bundesinstituts für Berufsbildung (BiBB) von Berufsbezeichnungen, unter denen sie sich gar nichts vorstellen können.
Wenn Jugendliche im Fernsehen Berufe wahrnehmen, findet dies oft über Daily Soaps statt. Knapp 900.000 schauen täglich Vorabendserien wie "Verbotene Liebe", "GZSZ (Gute Zeiten, schlechte Zeiten)" und "Marienhof". Allerdings ist die hier dargebotene TV-Berufswelt verzerrt und konzentriert sich auf einen schmalen Bereich (Troll/Dostal 2005). 20-jährige steigen ohne Abitur als Werbeprofi auf, betreiben ihre eigene Bar oder managen ganze Firmenimperien.
Die Fraktion der Grünen im Landtag NRW lud am 7. März 2008 zur Diskussion mit Programmverantwortlichen und -kritiker/innen ein. Ulrike Schulz von der Fernuniversität Hagen gab einen Überblick aus der Fernsehforschung: Mit 50% sind Frauen in Haupt- und Nebenrollen im fiktionalen Bereich mittlerweile zahlenmäßig genauso stark wie Männer vertreten (Hannover/ Birkenstock 2005). In den non-fiktionalen Bereichen Wirtschaft und Politik sind sie mit aktuell 22% deutlich weniger präsent. Ein Fünftel dieser Nennungen sind allein Medienauftritte der Bundeskanzlerin Angela Merkel. Auch inhaltlich unterscheidet sich die Berichterstattung über Männer und Frauen, so bekommt das Fernsehpublikum z.B. nur bei 5% der Männer genaue Informationen über Alter und Familienstand, während dies bei 21% der Frauen mitberichtet wird.
Seit über 30 Jahren zeigen zahlreiche Untersuchungen zur Vorbildfunktion von Mädchen- und Frauengestalten im Fernsehen, dass diese Frauenbilder Mädchen wenig dazu motivieren, aus Rollenklischees auszubrechen und ein starkes Selbstbewusstsein als Frau zu entwickeln. Weibliche Rollen sind inzwischen zwar vielfältiger, Frauen dürfen auch frech, klug und stark sein, trotzdem sind Männer, jüngere oder ältere, die Helden des Programms. Sie werden über ihr Handeln und Frauen über ihr Aussehen definiert. Medien beeinflussen die Vorstellungen (nicht nur) junger Menschen von der Realität. Frauen im Fernsehen sind blonder, dünner, kinderloser, jünger, gesünder und vor allem seltener als im wirklichen Leben.
Michael Mangold vom Zentrum für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe stellte die Arbeit der Bundesinitiative Integration und Fernsehen vor. Unter der Schirmherrschaft von Staatsministerin Maria Böhmer ist deren Ziel eine nachhaltige Verankerung der Themen Migration und Integration im öffentlich-rechtlichen und im privaten Fernsehen. Der Themenkomplex soll in Sach- und Informationssendungen sowie vor allem in Unterhaltungsformaten differenzierter berücksichtigt werden und so zu einer stärkeren Verankerung im öffentlichen Bewusstsein beitragen. Auch die Stärkung der Eigenverantwortung von Mädchen und Frauen ist besonders wichtiges Ziel. Dieses Ziel könne jedoch nur wirksam verfolgt werden, wenn Geschlechtercharaktere insgesamt in reflektierter Weise thematisiert werden.
In der anschließenden Talkrunde diskutierten Dr.-Ing. Kira Stein, Vorstand Kompetenzzentrum Technik-Diversity-Chancengleichheit sowie dib e.V., die TV-Kritikerin Klaudia Wick, Deutscher Fernsehpreis, und Marion Esch, wissenschaftliche Leiterin der Femtec - Hochschulkarrierezentrum für Frauen Berlin GmbH mit der WDR-Intendantin Monika Piel.
"Wir sind begeisterte Ingenieurinnen und es gibt viele spannende Themen", so Dr.-Ing. Kira Stein. Ein technischer Betrieb sei auch ein faszinierender sozialer Kosmos in dem täglich viel passiere, was sich für fiktionale Fernsehformate eignet. Eine demokratische und chancengerechte Entwicklung von Technik wird zudem erst möglich, wenn Medien dafür Grundinformationen bereitstellen. Dies gehört zum Auftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Damit die Ingenieurin, Installateurin oder Automechanikerin keine Einzelfälle in der Fernsehlandschaft bleiben hat die Femtec das Drehbuchprojekt Eurowistdom initiiert. Klaudia Wick erweiterte die Diskussion und verwies auf bereits existierende Beispiele für Sendungen, in denen Berufsinformationen vermittelt werden, wie Wissenschaftssendungen, Krimiserien oder auch das Pro Sieben-Format "Deine Chance! 3 Bewerber - 1 Job". Monika Piel, erste Intendantin in der Geschichte des WDR, berichtete von den teilweise bereits erfolgreichen Gleichstellungsbemühungen in der Personalpolitik des Senders. In den oberen Vergütungsgruppen sind Frauen nach wie vor unterrepräsentiert. Es gibt allerdings nur noch zwei Berufsgruppen ganz ohne Frauen: Berufskraftfahrer/in und Beleuchter/in.
Links:
- Enorme Medienpräsenz mit Bildern und Berichten von Mädchen, die in technischen Unternehmen, Werkstätten und Forschungslaboren aktiv sind, erreicht alljährlich der Girls'Day - Mädchen-Zukunftstag. Für einen Tag bestimmen Nachwuchsingenieurinnen, jungen Feuerwehrfrauen und IT-Expertinnen die mediale Agenda mit und prägen das Bild in Nachrichtenmagazinen und auf Zeitungsseiten. Mehr Informationen: http://www.girls-day.de/Girls_Day_Info/Girls_Day_-_Maedchen-Zukunftstag/Girls_Day_in_den_Medien
- Das von der EU geförderte Projekt EuroWistdom (European Women in Science TV Drama on Message) unterstützt sieben Drehbuchprojekte welche aktuelle Themen aus Wissenschaft und Technik mit weiblichen Rollenvorbildern in den Mittelpunkt stellen. Weitere zwölf Projekte erhalten das Angebot, sich durch wissenschaftliche Expertise unterstützen zu lassen. http://www.femtec-konferenz.de/de/?eurowistdom.shtml
Literatur:
- Krewerth, Andreas; Tschöpe, Tanja, Ulrich, Joachim Gerd, Witzki, Alexander (Hrsg.): Be-rufsbezeichnungen und ihr Einfluss auf die Berufswahl von Jugendlichen. Theoretische Überlegungen und empirische Ergebnisse (Berichte zur beruflichen Bildung, Heft 270) Bielefeld 2004.
- Dostal, Werner; Troll, Lothar: Die Berufswelt im Fernsehen: Einführung. In: W. Dostal & L. Troll (Hrsg.), Die Berufswelt im Fernsehen, (Beiträge zur Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, 292), Nürnberg 2005, S. 1-17.
- Hannover, Irmela; Birkenstock, Arne: Familienbilder und Familienthemen in fiktionalen und nicht-fiktionalen Fernsehsendungen - Eine Studie des Adolf-Grimme-Instituts im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 2005.















